Mein Schreibstuben-Blog

October 2, 2008

die Fluchtfrau

Filed under: eigene stories — heidi @ 02:11

(Ende August 1989 als eine der Hausaufgaben zur Schreibschule geschrieben

- Deine Geschichte muss ich spätestens bis morgen früh mit der Post erhalten, stürmte schon am frühen Morgen der Redaktor am Telefon.

In meinem Kopf drehte ein Karussell von Menschen auf der Flucht: von einem Amerikaner aus einem orientalischen Gefängnis (bonjour Midnight Express), von Töchtern aus rückständigen Alpendörfern in die Konsumenten-Freiheit eines Grosstadt-Fabrikarbeiterdaseins, von jungen Orientalinnen aus der Enge ihrer Dorfsippe in ein Schwarzarbeiter-Nähatelier im liberal-industriellen Norden und vom Bub des Süffels an der Ecke, der aus seiner Erziehungsanstalt ausriss.

- Welche Variante gefällt dir am besten, fragte ich Mietze, meine Katze. Diese schüttelte nur die Ohren und leckte an der Pfote. Die hat es gut, sogar Mäuse fängt sie jetzt, seit gleich neben unserem Haus eine biologische Kompostverwertungs-Pilotanlage bis zu meiner Wohnung stinken durfte. Mitten in der Stadt.

Ich spannte ein weisses Blatt in die Maschine. Der Sommer war zwar noch bedrückend heiss, aber Ende August als Thema überholt. Virginia hatte es geschafft, im gestrigen Nachmittags-TV-Feuilleton-für-einsame-Hausfrauen dem strengen Vater zu entrinnen und heimlich für zwei Stunden ihren Liebsten zu besuchen, ging es mir durch den Kopf. Ich mochte diese Virginia, obwohl diese Serie für mich eine rettungslose brasilianische Schnulze blieb.

- Ich werde nie solchen Kitsch schreiben, versprach ich mir laut und setzte mich etwas gerader auf den Stuhl. Mietze war verschwunden.

Seit drei Tagen, seit der Sommer immer schwühler wurde, stank die Kompostanlage auch zum vorderen Fenster herein. Mietze hatte es leicht, Mäuse zu finden, sie musste nur dem Geruch folgen. Dafür kaufte ich weniger Katzenfutter.

- Man sollte viel mehr Blätter und Aeste auf die Abfälle legen, auch zerstückeltes Holz oder mehr Erde, hatte sich der interessante junge Leiter dieses Versuches, Biologielehrer im Quartierschulhaus, auf mein Reklamieren entschuldigt.

- Muss ich jetzt Blätter sammeln, damit diese doofen Städter hier ihre Kompostkastenspiele durchziehen können, ohne dass ich dabei ersticke?

Meine bissige Antwort hatte diesen sich aufopfernden Mann erschreckt, seine vorwurfsvollen Augen mich stumm angeklagt: ich riss ihm gerade sein letztes Stück Natur aus den Händen … und verspielte bei ihm garantiert meine schon schwachen Chancen.

Seither stank es noch grauenhafter, vielleicht müsste ich doch noch fliehen. Doch vorher wartete diese Geschichte auf einen feinen Abschluss … ich hatte noch nicht einmal angefangen.

Weltweit sind von den über 10 Millionen Flüchtlingen (1989!) die Mehrheit Frauen, in der Schweiz waren bis Ende 1984 deren satte 44% weiblichen Geschlechts, las ich in Emanzipation Nr. 5-12, Jahrgang 1989, OFRA, Basel.

Virginia konnte glücklicherweise wieder ins Haus schleichen, ohne dass der strenge Vater etwas bemerkte, hatte ich mich nach dem Feuilleton für sie gefreut. Sie war die reiche Tochter eines brasilianischen Richters, wohnte auf deren Landsitz. Die haben keinen Komposthaufen neben dem Haus, deren Prachtshütte steht mitten in einem gepflegten Park. Ich liess keine Virginia-Episode aus.

Wo wohl Mietze so lange blieb? Bald war Zeit für meinen 10-Uhr-Kaffee. Mein leeres Blatt war immer noch schneeweiss, nicht ein Buchstabe hatte sich von selber darauf verirrt. Wenn ich wenigstens einen guten Titel wüsste?

Die Nochjungfrau Fereshteh, aus dem streng islamischen Afghanistan geflohen, erobert sich die westliche Freiheit.

Echt geil, dieser Anfang. Tiefer kann man nicht mehr fallen. Wenigstens eine, die sagt: jetzt ist es genug. Haut einfach ab. Weiss selbständig: ich will … endlich eine aus dieser untersten Schicht der Untermenschen, die aufmuckt.

Aber auch die übrigen afghanischen Noch-Jungfrauen Azizeh, Firuzeh, Parwaneh, Nassimeh, Tayereh und Mariam haben Anrecht auf die internationalen Menschenrechte … genau diesen Gedanken werde ich jetzt mal in die hiesigen Mostköpfe hämmern.

Aber ich weiss doch, herrschaftnochmals: nur männliche afghanische Flüchtlinge schaffen es, drei Jahre lang in Paris als Schwarzarbeiter zu bleiben. Die Geschichte sollte trotz Fabulieren glaubwürdig bleiben, insistsierte mein Redaktor immer wieder. Keiner hat je in diesen Kreisen von einer Afghanin gehört. Und deren Männer gehen sowieso wieder heim, mit viel Geld. Die wollen unsere Welt gar nicht.

Vergiss es. Dort ist der Wasserhahn zugedreht. Afghanische Frauen bleiben, wo sie sind. Bei denen ist die Erde noch platt, das Zentrum in der Mitte, der Himmel genau dort, wo er zu sein hat. Nämlich oben.

Ich liess den Titel trotzdem stehen, machte bloss daraus eine Türkin, bei welchen einige Fortschritte ja auch nicht schaden würden … mein weisses Blatt war nicht mehr so leer.

Der Morgen zögerte sein Kommen noch etwas hinaus, genau wie Keira ihr Vorhaben … helle Konturen umrahmten schon die Hügel hinter dem Haus, die Welt war noch still. Aber nur fast. Ihr Herz pochte laut und wild. Es gelang ihr, den Rest ihres Körpers zur Ruhe zu zwingen, während einem kurzen Augenblick nicht einmal mehr mit der Wimper zu zucken. Heute, gerade jetzt wird sie es tun.

Sowas gab Ambiance. Ein Paradies verlässt sie doch, diese Undankbare. Heile Bergwelt und urchiges Volkstum. Jetzt hörte ich Mietze vor der Türe miaulen.

- Hergott, kannst du nicht wieder zum gleichen Fenster hereinkommen, musst du mich immer aufjagen, beschimpfte ich sie beim Türöffnen. Mein Ton klang überhaupt nicht streng, ich war immer noch mit dieser Nochjungfrau am frühen Morgen.

Um fünf Uhr morgens war der erste Bus immer fast leer, nur die Bauernsöhne und -Töchter, die auf dem Feld nicht gebraucht wurden – in dieser Jahreszeit die Ausnahme – liessen sich zum billigen Brotverdienst in die nahe Stadt kutschieren und versuchten dabei, unbeweglich aus dem Fenster starrend, diese letzte Stunde dem Schlaf doch noch abzutricksen. Niemand würde auf sie achten. Es gab kein Zurück mehr.

Auch das gefiel mir. Jetzt miaulte Mietze schon wieder, ich überhörte es tapfer, war mitten drinn:

Vor drei Jahren war sie fast zur gleichen Jahreszeit frühmorgens bereit gestanden, schon das Köfferchen in der Hand, wollte gerade die Türklinke drehen und sich wegschleichen, als Vater im Nachthemd herauskam. Damals war sie gepackt, verflucht, im Hause eingesprerrt und seither streng überwacht worden. Es waren drei schlimme Jahre geworden. Wenigstens hatte sie tapfer allen Heirats-Verordnungen ihrer Eltern widerstanden, war dafür aber noch mehr verachtet worden.

An einer Tagung zum Thema Flüchtlingsfrauen vom November 1985 wurden … folgende Forderungen aufgestellt:

  • a) soziale und institutionalisierte Unterdrückungsformen gegenüber Frauen, welche den internationalen Menschenrechten widersprechen, sind als Asylgrund anzuerkennen. Die gesellschaftskulturelle Unterdrückung von Frauen soll als … Verfolgung wegen … Geschlechtszugehörigkeit betrachtet werden dürfen.
  • b) die Oeffentlichkeit ist über diese Form von Gewalt aufzuklären. (Emanzipation 1985).

Das Miaulen wurde stärker, Mietze war eine Katze mit Charakter.

- Was ist, mein Schatz? Sie stand vor einem leeren Fressnapf. Also keine Mäuse heute. Kunststück, bei dem Gestank flohen sogar diese. Mietze erhielt also ihr Büchsenfutter.

Aber seit einer Woche war Vater krank, der grosse Bruder im Militärdienst, die kleineren Geschwister hatte sie in ihrer Gewalt. Und die schliefen jetzt noch. Blieb ein gewisses Problem mit Mutter, aber diese hörte immer schlechter. Unbemerkt verliess Keira ihr Elternhaus, ergriff hastig die gestern Abend hinter den Büschen versteckte, zum Bersten gepackte Schachtel und rannte, die Schuhe noch in der Hand, leise bis zur Hauptstrasse. Jetzt kam der gefährlichste Moment, keine Berechnung konnte diese Minute wirklich vorausplanen: der Bus konnte Verspätung haben, Mutter gerade heute etwas früher aufstehen und ihr Verschwinden entdecken. Der Bus kam pünktlich.

Ich stand auf und schloss das Fenster, vielleicht würde es dann weniger hereinstinken. Sauerstoff erhöhe scheinbar die Stärke von Düften. Ohne Luft in meinem Zimmer würde es vielleicht nicht mehr so stark riechen.

In der Stadt lief Keira schnurstracks in die kleine Bar in der miesen Gasse. Eine Schulfreundin, Amina, die schon in Deutschland arbeitete, hatte ihr diesen Fluchtweg – von einheimischen Schleppern betrieben – über eine Bekannte aus dem übernächsten Dorf zukommen lassen. Amina hatte sogar die Reise und die Schlepper bezahlt.

Jetzt war ich endgültig sicher, warum Afghaninnen nicht fliehen können: in diesem Land gibt es nur Krieg (1989). Nur schwerbewaffnete Militärkonvois zirkulierten und kein einziger pünktlicher Linienbus. Kaum regelmässiges Hin- und Her-Reisen zwischen Stadt und Land, schon gar nicht für Arbeiterinnen. Hier kämpft man um die zukünftige Kultur der Nochjungfrauen. Diese sitzen in der Falle von tausend Jahren Stammes-Gewohnheiten. Unbedingt zu erhaltendes Volksbrauchtum nennen das hier (1989) unsere Witzbolde. Links wie rechts. Aber hauptsächlich unsere Linken.

Afghaninnen bleiben in diesem Männerkrieg, im Ghetto dieser Folklore, festzemmentiert. Ausbruch unmöglich.

- Aber die wollen ja gar nicht hinaus, argumentieren die Klugscheisser. Klar, man sperrt sie gewaltsam ein, erzählt nur, diese Welt sei vom Teufel. Da ist von freier Wahl keine Rede.

Mir wurde schlecht. Wir sind ein Planet mit Internationalen Menschenrechten, aber voller wasserdichten Ghettos. Nochjungfrauen lassen wir dort verfaulen, schicken deren Männern sogar noch Waffen, damit unseren Snobs hier (1989) ihre urwüchsigen Völker noch erhalten bleiben … daheim für die TV, auf Reisen für den Fotoapparat. Gibt ja auch exotische Bildchen, letzthin (1989) wurde in GEO eine solche Frau verherrlicht. Man sah nur die Stickerei ihres hellblauen Burqas vor dem Gesicht.

Wegen unseren, ihr eigenes, unausgelebtes Manko auf noch natürlich gebliebene Völker projizierende Erstweltprimitiven können Afghaninnen immer noch nicht fliehen, müssen sie weiterhin Figurantin spielen in der Dreigroschenoper mit Namen ursprüngliches Volkstum. Für verjähste, senile, vollgefressene Erstwelt-Möchtegerne-Wilde, die bei jeder Gelegenheit für sich selber auf ihre Freiheit und Demokratie pochen und keine einzige Bequemlichkeit aufgeben wollen.

- Nein, wir sind nicht besser, wir sind schlechter, darum sollen diese Völker für uns stellvertretend das noch ausleben, wozu wir nicht mehr fähig noch willens sind, können Feinhörige (1989) als nächste Ausrede zwischen den Zeilen vernehmen. Hauptsächlich bei meinen männlichen Links-Aussen-Kollegen.

- Sind doch selber schuld, brauchen ja nicht gerade dort auf die Welt zu kommen, maulte letzthin sogar jener alte New-Age-Guru, welcher als abtrünniger Star-Jünger Bagwans die Wiedergeburtsrealität verteidigt. Garantierter Originalspruch, persönlich gehört, öffentlich verkündet. Man sollte den Mann wegen Anstiftung zum Unterlassen-von-Hilfeleistung-an-Menschen-in-Not verurteilen. Endlich sind die Armen doch noch selber schuld, mit Hilfe verbriefter Ursprungszeugnissen aus der Höheren-Welt.  In unserer hochklassigen Erstwelt ist New Age momentan (1989) sehr in Mode.

Mit einer solchen Ausrede werden wir die Probleme dieser Welt nie lösen mögen … ach was, wir sind viel zu abgehärtet, um aus diesem blöden Spruch eines abgefickten Gurus noch einen Skandal zu machen.

Daran war sicher der Gestank schuld, dass ich heute so Mühe hatte mit meiner Geschichte. Oder etwa die Serie mit Virginia? Sogar deren strenger Vater hatte diesmal (nicht von Virginia, sondern von einem geilen Mann) eins aufs Dach erhalten.

Weltweit sind viele Millionen Menschen auf der Flucht. Gestern (im 1989) hatte ich die Zahl noch gewusst.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen sei nach dem Asylgesetz und der Genfer Konvention (1989) an sich noch kein Grund zur Asylgewährung. Bei sexueller Demütigung und Vergewaltigung als Form von Folter sei grundsätzlich eine Asylgewährung nur möglich, sofern der Vergewaltigung auch eine Verfolgungs-Mo-ti-va-tion zugrunde liege … (Ansicht des schweizerischen Bundesrates auf die parlamentarische Interpellation Gurtner). Emanzipation/do.

… dabei soll es auch nicht darauf ankommen, ob die Ausführenden (der sexuellen Vergewaltigung oder Unterdrückung) privat /familiäre oder staatlich /polizeiliche Machtträger sind … immer stehen patriarchalisch-repressive Gesellschaftssysteme dahinter, fordert Emanzipation dazu.

Nein, meine Keira wird in der Schweiz keine offenen Ohren finden, wenigstens nicht offizielle. Schon gar nicht Afghaninnen.

Ueber die Reise schwieg ich lieber. Entweder ich fabulierte etwas Gescheites und dann kamen die noch auf neue Ideen und führten den Vorschlag aus, und wir haben schon viele Asylanten … oder ich tippte richtig und hob ein Schleppernetz für arme Schufte aus, beides war zu vermeiden … wenn mein Freund diesen Zwiespalt wieder mitbekommt, dann höre ich was … also vermied ich diese Klippe und es ging gleich in Deutschland weiter, genau im miesen Vorort einer Grosstadt:

Gleich am andern Morgen konnte Keira mit der Arbeit beginnen: in einem Nähatelier ohne Fenster und greller Deckenbeleuchung schuftete sie bis zu zwölf Stunden pro Tag. Gutes Essen, aber kein Ausgang, sie wurde noch strenger überwacht als zuhause. Wo blieb Amina, ihre Schulfreundin?

- Wir zahlen dein Geld auf ein Bankkonto, sonst wird es dir gestolen, hatte der Ateliersbesitzer, ein deutscher Rückwanderer aus dem Kaukasus, erklärt. Der tapfere Mann musste gerade seine Existenz neu aufbauen, konnte selber nur mit Schwarzarbeiterinnen der billigsten Klasse überleben. Keira erhielt die Quittung für das überwiesene Geld, aber keinen Pfennig in die Hand, musste alle Einkäufe durch die Besitzerin tätigken und am Ende vom Lohn abziehen lassen.

Die Frage, wie diese Frauen bei uns landen gleicht der Geschichte in einem uralten Film: Der Graf von Monte Christo … eine Strafanstalt auf einer Insel, der Gefangene grub einen Tunnel durch den Lehmboden seiner Zelle und landete in der Nachbarszelle, war nicht weitergekommen, hatte aber einen Freund gewonnen.

Ich muss meiner Keira unbedingt Freunde geben, sonst verliere ich sie, bevor diese Geschichte beendet ist, sagte ich mir.

- Die beschummelt uns doch wegen dem Preis, knirschte eine Zimmer- und Arbeitskollegin aus einem anderen türkischen Dorf. Dann erhielt Keira endlich Besuch von Amina. Diese war regulär über die Grenze gekommen und durfte überall frei herumlaufen.
- Warum darf ich nicht frei herumlaufen, maulte sie. Man bemühte sich, es ihr zu erklären:
- wir sind hier ein kleines Dorf, alle kennen sich … es hat hier viele Rechtsradikale, die rebellieren wegen den vielen südländischen Schwarzarbeitern, man würde sie entdecken … verstehen sie.
Keira verstand nicht, blieb bockig.
- Warum bin ich dann weg von zu Hause, hier … sie beendete den Satz icht mehr, schwieg ab sofort, auch abends im Zimmer
.

Jetzt blieb ich in meiner Geschichte hoffnungslos stecken. Kein einziger Ausweg war für meine Nochjungfrau gut genug. Keine andere Perspektive erwartete sie als weiterhin unter miesen Umständen schwarz zu arbeiten, wieder ins Dorf zurückzukehren oder zu heiraten. Ein selbständiges, gleichberechtigtes Leben, wie wir es für uns fordern, ist für sie in den gängigen internationalen Strukturen nicht vorgesehen.

Mir wurde bewusst, dass Millionen von Menschen auf diesem Planete unseren Lebensstandard nicht erreichen können, die von uns gemachten Strukturen verwehren ihnen dazu automatisch den Zugang … sollen selber schauen … sind selber schuld … wir unterstützen nur deren Clans mit Waffen, machen mit ihnen Geschäfte. Jetzt wurde mir wirklich schlecht und ich machte mir meinen Vieruhrtee.

… Insbesondere wird der asylsuchenden Frau und ihrer besonderen Situation kaum Rechnung getragen. Unsere Asylrechtspraxis orientiert (1989) sich am Verhalten der Männer und ihrer Verfolgungssituation … es wird in ein öffentliches politisches Auftreten vorausgesetzt, was Frauen nicht tun. Aber auch beim Verfolgtwerden wegen Agitation ihres Mannes wird ihr in der Schweiz eine direkte Gefahr abgestritten. Emanzipation /do.

- Ein Flüchtlich ist doch etwas anderes als ein Schwarzarbeiter, und noch einmal etwas anderes als ein Asylbewerber. Typisch, ihr Frauen bringt immer alles durcheinander, maulte mein Freund, von der Arbeit heimkommend, jetzt auch noch in meine Geschichte hinein.

- Da bin ich nicht einversanden. Allen geht es gleich mies, und überhaupt, ich habe die Schnautze voll, dass ihr einseitig aus der männlilchen Sicht festlegt, was richtig und was falsch sein soll. Meine Heldin ist auf der Flucht aus ihrer miesen familiären Lage, in der sie nicht als selbständiger, erwachsener Mensch anerkannt wird. Sie sucht sich das Recht auf ein freies Leben, das ihr ihre Sippe nicht zugestehen will. Aber ein Motiv für Asyl wird ihr in unserem freien Land nicht zugestanden, sie wird nur als Wirtschaftsflüchtling abgestempelt, obwohl es ihr um viel mehr geht als nur um Arbeit. Und weil sie nicht in ihr Dorf, in ihre Sippenstruktur zurück will, muss sie hier eine Schwarzarbeiterin bleiben.

Ihr Männer wollt doch nur keine Zugeständnisse machen, daher eure Spitzfindigkeiten. Mein Freund grinste nur und fischte sich die Zutaten zu einem Sandwich aus dem Kühlschrank.

… unsere Asylpraxis anerkennt (1989) weder spezifisch gesellschaftsbedingte Frauendiskriminierung noch durch politische Unterdrückung und Ausbeutung provozierte Armut als Fluchtgrund … auch sind viele Drittweltfrauen unfähig, vor einem männlichen Asylgesuchsgremium über sexuelle Misshandlung überhaupt zu sprechen … wenn Frauen artspezifische Aussagen bringen, werden diese zur Disqualifizierung des Ehemannes gebraucht und beide wieder heimgejagt. So erzieht man Frauen dazu, über ihre eigenen Nöte nochmals zu schweigen … . Emanzipation /do.

und so hatte Keira ihr Leben doch noch in die Hand genommen, in einem Schwarzarbeiteratelier mit etwas menschlicheren Bedingungen, und mit ihrer Freundin Amina nicht weit weg

Der Redaktor wird mit einem solchen Ende zufrieden sein. Und Keira? Fragt einer überhaupt Keira? Ach was, die soll sich halt anpassen … also ja keine neueren gesellschaftspolitischen Experimente vorschlagen. Sobald es politisch wird, gilt beim Redaktor Sperrzone … dann wirds nichts mehr mit dreinreden. Weg mit rückständiger Frauenlogik, hinaus ihr Uneingesweihten, Lumpenpack, Nichtswissende. Fertig mit spielen, mit erfinden, mit neu gestalten. Jetzt gilt Politik. Und Politik wird in Grossmedien, also bei meinem Redaktor, ernst genommen.

Und da verstehen die Herrenclubs keinen Spass mehr, wenn wir in ihren Gartenbeeten herumtrampeln. Politik ist deren ureigenes Räuberspiel, ihr mit eigenen Farben künstlich beleuchtetes Schattenboxen. In diesem Spiel können sich die Guten, die Richtigen, die Verantwortlichen untereinander getrost abzählen, abwägen, sich gegenseitig disqualifizieren, aus der Masse herausheben. In diesem Initiationssandkasten, in dieser Scheinflucht-Realität, in diesen letzten ewigen Jagdgründen sich noch gegenseitig bewundern oder ablehnen, zu Helden heranwachsen oder haushoch abstürzen.

- Jetzt schlag in deinen Geschichten nicht immer so exotische Lösungen vor, hatte nämlich meine Redaktor neulich gestöhnt, ich muss doch dein Zeug noch abdrucken können. Ruhe und Heiterkeit im Land sei unsere oberste Pflicht. Und garantiert wird auch mein Freund mit seiner männlich-festgefahrenen Gewohnheitslogik wie immer in meine Schlusspointen hineinmaulen.

Was solls, Nachts stank der Komposthaufen weniger ätzend, Mietze war draussen bei ihrer nächtlichen Selbstverwirklichung und ich schaffte es, mein Werk per Express am Dringlichkeitsschalter knapp vor 22.00 Uhr doch noch abzuschicken. Intsch Allah.

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