Mein Schreibstuben-Blog

December 20, 2008

Der Mensch als EGO – ein anderer Blickwinkel

Filed under: mein Kommentar — heidi @ 02:13

1989, in einer Zeit intensiver Esoterik-Therapie-Workshops geschrieben …  

(aber der Ursprung all dieser Erkenntnisse muss irgendwo zwischen der Psycho-Werkstatt in Big Sur /Kaliforniern und den buddhistischen Klöstern in Japan liegen, wo die Gründer von Big Sur damals ihre Erleuchtung holten … gemäss dem, was uns damals erklärt wurde). Hier also der Text gemäss dem, was ich selber damals verstanden habe. Und weil ich heute, im September 2011 immer noch dazu stehen kann, habe ich das damals Geschriebene zum Teil bloss etwas besser ausformuliert.

Später wurde die Ansammlung all dieser Gedanken zur Inspiration der Geschichte Sairas Karneval (wird noch länger in Arbeit sein, siehe PROLOG).

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Ich bin auf dem Mars gestrandet, nur ein Teleklon vom Typ IV kann mich auf die Erde zurückbeamen. Aber nicht eigentlich mich. Nur das Muster meines Wesens wird als Klon auf der Erde wieder aufgebaut. Bin nun ICH auf dem Mars gewesen, oder bloss das Wesen, das sozusagen mein Vorgänger war und dort im Teleklon (für mich jetzt) dort geopfert wurde?

So lautet kurz zusammengefasst die Einführung zum Buch Einsichten ins Ich von Douglas R. Hofstadter und Daniel C. Dennett. BIN ich nun mein Ego, oder HABE ich ein Ego?

Er liebt mich. Happy tanze ich durch die Welt. Bis zum nächsten Streit. Der liebt ja bloss meinen Körper, meine wirklichen Bedürfnisse, was ich wirklich bin, kümmert ihn nicht, der ist nur ein Egoist. Ich im Hoch und Tief meiner selbst.

Jetzt will ich es genau wissen.

Auf der Suche nach einer Antwort bin ich in der Rolle des Richters, der sich selber beurteilen muss … die Karten sind deshalb getrixt … durch mich selber. Zehn Stichworte als Rahmen:

1. Wir Menschen entwickeln als einzige Lebewesen ein Ego, welches formuliert: hier bin ich.

2. Diese in der Evolution einmalige Entwicklung erlaubt uns Distanz nach aussen und nein zu sagen.

3. Durch dieses Nein erhalten wir erst die Möglichkeit zu einer wirklich freien Wahl.

4. Durch unsere Selbstspaltung sind wir auch vom ‘Grossen Ganzen’ abgespaltet. Wir erleben uns im ewigen Manko.

5. Dieses Manko erfahren wir über Gefühle, die sich im Körper als Erinnerungen speichern.

6. Schmerz ist im heutigen Entwicklungszustand der Menschheit eine der Urerfahrungen, welche die frühkindlichen Erlebnisse ausmachen.

7. Angst und Hoffnung, Schuldgefühle und der Eindruck, dass etwas nicht stimme werden, je nach Charakter und Umstände, als Triebfedern oder als Bremsen wirken.

8. Der Ego-Teil des Menschen wird sich ein Leben lang mit all den genannten Aspekten herumschlagen, ausser er lerne bewusst, besser damit umzugehen.

9. Projektionen, Fehlleistungen, Träume sind Funken dieser Reibungsflächen.

10. Es gibt im Menschen noch einen anderen Teil als nur das Ego. Dieser war immer bekannt und hat im Laufe der Entwicklung unserer Menschheit die verschiedensten Namen erhalten. Ich werde diesen Anderen Aspekt in uns die Geniefunktion nennen.

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Nach dem zweiten Lebensjahr fängt das Kind an, ICH zu sagen, lernte ich vor langer Zeit (1962-1964) im Psychologie-Studium. Diese Fähigkeit sei eine echte Glanzleistung der Evolution. Wir müssen aber eingestehen: der Preis ist beachtlich.

Im Laufe der Kindheit trennt sich dieses EGO-Bewusstsein immer mehr vom (noch) unbewusst bleibenden Teil. Der Mensch wird immer gespaltener, je mehr er sich mit seinem bewusst ICH-sagenden Teil identifiziert (mein Zwischenruf: warum haben wir nicht gelernt, den anderen Teil, den Genieteil, SOFORT ebenfalls zu entwickeln? Ich behaupte: genau an dem Punkt ist etwas mit uns falsch gelaufen!! Hier passiert ein Fehler, den wir an unsere Kinder weitergeben).

Spätestens beim frühen Erwachsenen, (wenn der Ernst des Lebens beginnt), hat der konkrete Tages- oder Ego-Bewusstseins-Anteil die Oberhand gewonnen und verdrängt den Genieteil, schon auch deshalb, weil das Genie viel zu wenig genutzt wird.

Ein Nein wird nur möglich durch das (eventuell auch unbewusste) Akzeptieren einer Trennung zu dem, was verneint wird. Ich denke, der Mensch muss die Fähigkeit zu dieser Abspaltung mitbekommen haben, entweder genetisch, oder durch Kultur, wahrscheinlich durch beides. Der Mensch muss zudem fähig sein, dieses Nein nach aussen zu tragen, was ein wirksames Ego voraussetzt.

Jener Teil, den ich Genieteil nenne, der sich in Träumen, Fehlleistungen und Projektionen zeigt, haben wir noch nicht richtig verstanden. Fortschritte werden durch das bestehende Werte- und Glaubenssystem filtriert, nur was integrierbar scheint wird behalten. Ich bin überzeugt, noch zu vieles wird noch als unmöglich abgewiesen. Der Genieteil scheint nach einem anderen Muster zu laufen. Ich frage mich, ob jene Werte der Nächstenliebe, welche zum Beispiel im Christentum gefördert wurden, nicht viel mehr an des Menschen Genieteil geknüpft wären, und der als normal geltende Egoismus äusserte sich über jenen Teil von uns der, abgespalten in seiner kleinen Ecke dahindümmelnd, das grosse Nein hervorzubringen imstande ist.

Ohne die Entwicklung zum Nein sagen wären wir vielleicht alle Roboter. Aber ich kann mir inzwischen auch vorstellen, beide Teile seien bei jedem Menschen etwas anders gemischt, verschieden abgestuft, je nach Thema oder Lebenssituation. Oder vielleicht je nach eigenem, bewusst gewolltem Entschluss.

Wenn ich wähle, zwinge ich mich, den nicht gewählten Teil auszulassen. Wenn ich wähle zwischen etwas Gutem und etwas noch Besserem, lasse ich das Gute fallen. Wählen heisst also nicht nur, das Gewollte zu erhalten, sondern auch, das Nichtgewählte zu verlieren. Wahl bedeutet also immer auch Verzicht.

Im Vollbesitz meiner Gefühle und Empfindungen bin ich offen nach innen und nach aussen. Dies bedingt, die Möglichkeit eines Schmerzes zuzulassen. Zur freien Wahl gehört also auch das Ja-Sagen-Können zu eventuellem Schmerz. Angst vor Konsequenzen, Abkapselung, wirtschaftliche Armut und ideologische oder kulturelle Verbote reduzieren unsere Wahlmöglichkeiten. Dann kann die wahre Funktion unseres Ego, das freie Ja- oder Nein-Sagen zu möglichen Varianten unserer Existenz, nicht mehr wahrgenommen werden.

Das Aufarbeiten von abgewiesenen Gefühlen erlauben uns, innerlich freier zu werden.

Unsere Spaltungen erleben wir als ein Manko. Wir versuchen lebenslänglich, dieses Manko zu überspielen, zu kompensieren, mit tausend Varianten zu unterdrücken, nicht mehr zu fühlen. Ohne es je ganz zu schaffen.

Wir kennen Strategien der Abwehr:

  • durch Verspannung des Körpers wird der Energiefluss verlangsamt (siehe chinesische Akupunkturlehre), das andere Extrem ist psychische Abkapselung.
  • Aufopferung für andere oder der Gegenpol, parasitär andere ausnützen können Abwehrstrategien sein.
  • Viele Arten des  Konsums von Substanzen, fanatische Ideologie, Arbeitswut, zwangsneurotische Liebesbindungen oder Verhaltensmuster schützen uns ebenfalls vor zu starken Gefühlen.

Unser Gefühlsaustausch ist selektiv bei verschiedenen Menschen, aber in jeder Gruppe, Partnerschaft, Familien- oder Freundeskreis herrschen (meist unbewusst übernommene) Gruppennormen. Auch inbezug auf das Zulassen der Gefühle. Der Part ist von Anfang an getrixt, ein echtes vollständiges Mitteilen der ganzen Gefühlspallette ist nur selten möglich, bleibt vielen Menschen sogar unerreichbar, wegen dem Zwang, der Unterwerfung zur Gruppennorm. Mir scheint heute, das Interesse einer möglichen Domination über eine Gruppe besteht, abgesehen von materiellen Vorteilen auch darin, die eigenen, unbewussten Gefühlsmuster einer Gruppe auf sich selber zugeschnitten und von den anderen respektiert zu wissen. (Läge hier eine Ursache, warum gerade Männer oft derart zwangshaft dominieren müssen, weil sie viel mehr Mühe haben mit ihrer Gefühlswelt)?

… (und, später dazugefügt: wir Frauen sie lieber bemitleiden, unseren eigenen Abwehrmustern entsprechend, anstatt sie zu erziehen. Was sich dann auf die ganze Welt auswirkt: noch immer führen zu viele Männer lieber Krieg zur Problemlösung)?

Der Körper baut immer dann Blockaden auf, wenn vor allem im Kindesalter psychisches Leiden unerträglich wird. Das ist immer dann der Fall, wenn die Bezugsperson des Kindes eingleisig fährt. Was heisst das? Wir Menschen kommen mit geistig voll wachen Fähigkeiten auf die Welt. Ich verstehe, des Babys Unterbewusstsein funktionniert als vollkommener Telepath. Dieser erfasst einfach alles, was rundum vorgeht, in Form von Bildern. Wir werden praktisch alle in Familien hineingeboren, deren Tagesbewusstsein nur als Ego funktionniert. Dies ist nur ein Bruchteil dessen, was das telepathisch veranlagte Unterbewusstsein vermag. Das Kind hat somit den Eindruck, nicht wirklich voll gesehen zu weden, nicht so ganz gesehen zu werden, was es wirklich ist: dem Geniewesen des Kindes wird kaum begegnet, auch wenn die Mutter, die Umgebung, kognitiv liebevoll sind. Das Missverständnis liegt im unterschiedlichen Erfahrungsmodi. Für Kinder kann eine Kommunikation, welche nur auf der Egoebene stattfindet, Schmerz bedeuten. Das meine ich mit eingleisig Fahren, wenn dem Kind nur im Ego-Modus begegnet wird. Aber die meisten Erwachsenen haben den Geniemodus verloren.

Mit Geniewesen meine ich das, was Esotheriker so gerne die grosse Seele nennen. Ich finde Geniewesen besser, weil im Jetzt verankert, eine Seele ist immer irgendwie vom Körper getrennt, schwebt so über dem Rest dahin, kann so leicht verloren gehen. Genie ist immer da, kann aber unterdrückt, abgewehrt werden. Besonders in Schulen werden Geniekinder oft vom Klassenlümmel geplagt.

Der Ego-Teil wehrt Schmerz und alle negativen Urerfahrungen ab und verjagt sie ins Unterbewusstsein. Der Gegendruck von unten ist mit unterschweligen Schuldgefühlen besetzt, mit dem Eindruck, etwas stimme nicht. Projektionen auf Alltagssituationen und Hoffnungen in von aussen sich anbietende Situationen auf eine bessere Zukunft sind die Folgen und werden immer wieder von Scharlatanen missbraucht. Je nach Ego-Konstruktion wirkt ein solches Gemisch stimmulierend oder bremsend auf unser Leben. Denn die Egofähigkeit kann nur auf dem aufbauen, was bekannt ist. Der Ego-Teil lebt also chronisch in der Vergangenheit.

Wir könnten auch sagen, das Ego IST diese Vergangenheit. Alles kreativ Neue nährt sich nämlich aus einer anderen Ecke in uns, aus dem Genieteil. Der Ego-Teil in uns ist auf der ewigen Suche nach diesem verlorenen anderen Teil, den Genieteil, mit dem er zwar phantasmatisch ein Ganzes sein möchte. Dieses Streben ist jedoch gleichzeitig an die unbewusste Angst gekoppelt, sich dann dort aufzulösen, selber darin zu verschwinden. Was, nach meiner Meinung, bloss eine Sache der unterentwickelten Kultur ist in die wir, trotz Technik, hineingerutscht sind. (Nein, nicht WEGEN der Technik, diese ist notwendig).

Was wir nicht in unser Alltagsbewusstsein integrieren, wird also in das Unterbewusstsein verdrängt. Auch hier behaupte ich, das ist ganz Sache der Kultur, oder Subkultur. Wenn nun Projektionen auf andere Menschen und Situationen … dort können wir dann das sehen, was wir bei uns nicht akzeptieren dürfen … wenn nun diese Projektionen das innere Gleichgewicht nicht mehr garantieren können, meldet sich in einem späteren Stadium das Verdrängte als Krankheitssymptom in unserem Körper wieder. Dann wurde eine bestimmte, zu uns gehörende Energiequalität derart stark von unserem Lebensfluss ausgeschlossen, dass diese sich in jenem krank werdendem Körperteil staut (später beigefügt: … und dort sein Eigenleben weiterführt … Krankheit als verschiedener, unangepasster Ablauf provoziert).

Spätestens dann könnte es vorkommen, dass unser Tagesbewusstsein sagt: ich brauche Hilfe. Therapiemöglichkeiten werden aufgesucht, je nach kulturellem Angebot, was gerade gängig ist. Unser Ego-Teil, also wir, sind wie feudale, mittelalterliche Burgherren. Wir wollen feste Grenzen. Innerhalb diesen Grenzen Ordnung, Schutz, Sicherheit, spätestens dann, wenn unsere Umgebung dies nicht mehr sichert. Aber wir wollen UNSERE Ordnung. Unsere Ordnung beinhaltet, dass wir glauben, mithilfe eines selbstgebasteltem, oder eines uns von aussen aufgedrängten Rezeptes das Manko-Problem in den Griff bekommen zu haben. Meistens bestimmt die Gesellschaft, die Familie, oft die Religion, der Staat über die RICHTIGKEIT dieser Rezepte, eine endlose Reibungsfläche, welche nicht nur in Generationenkonflikten, Medien, Kunst, Streitereien ausgetragen wird, sondern oft vor einem Richter landet. Oder gar im Krieg. Für das Durchsetzen der Richtigkeit unserer Rezepte tun wir fast alles (Später eingefügt: weibliche Unterwerfung unter den Mann hat zur Folge, dass männliche Richtigkeit das Sagen hat, die Frau sich gar nicht gemäss ihrem eigenen Muster entwickeln kann, also gezwungen wird, nicht ganz richtig zu ticken).

Ausserhalb von diesen sind Raubzüge zwar grundsätzlich erlaubt, aber nur nach Glaubenssätzen, welche mit der Umwelt in einem Kuhhandel ertrixt, erkämpft, erschlichen wurden (Kinder können in diesem Punkt ausserordentlich ausdauernd sein). Diese Normen können bewusst oder unbewusst sein, hohen Ansprüchen entsprechen oder ganz handgestickt sein. Hauptsache, der Handel gilt, ist anerkannt und einigermassen für uns durchsetzbar.

Der Wunsch nach Veränderung kommt aus dem Genieteil, dem junge Menschen noch viel näher sind. Mit zunehmendem Alter waltet fast immer nur noch der Ego-Teil, der Vernünftige in uns (aber das ist allein Sache unserer Kultur, es könnte auch ganz anders laufen). Dann müssen Veränderungen für den Status des Ego-Teils ungefährlich sein, dürfen das einmal erkämpfte Gleichgewicht nicht in Frage stellen. Nach Krishnamurti das, was er das Bekannte nennt (sein Satz: sich vom Bekannten befreien /siehe Lehre). Je älter wir werden, desto stärker behauptet sich durch uns das schon Bekannte. Normalerweise, denn es gibt immer und überall Ausnahmen.

Menschen, welche sich im Laufe des Lebens mit einem Manko-Rezept eingerichtet haben, ertragen schwer, dass dieses infrage gestellt wird. Jeglichen Neuordnung, ob privat oder gesellschaftlich, ob in einer Therapie oder per Gesetz, ob psychischer oder physischer Natur, werden durch den strengen Filter der schon bestehenden Notlösungen laufen müssen und werden gnadenlos ausgeschieden, wenn dieser innere Filter NEIN sagt. Dieses innere Nein besteht, bevor der bewusste Teil des Menschen selber überlegt. Dem bewussten Teil bleibt nur die Rolle, den Rest der Welt von dieser inneren Wahl kunstgerecht zu überzeugen, sie notfalls zu verteidigen, durchzusetzen.

Auch hier dürfen unsere westlichen Kinder schon als Hochleistungssportler gewürdigt werden, sofern sie schon nicht in einer familiären Diktatur zerbrochen wurden. Und hier liegt wohl der Grund versteckt, warum um UFO-Glauben, Religion und sonstige Rezepte (wie allerlei Verschwörungstheorien) etc, etc, so verbittert gestritten werden kann. Weil alle Aspekte dieses Streites selber schon Teil von Rezepten, sprich Notlösungen geworden sind, also respektiert werden müssen.

Und falls unsere Rezepte nicht mehr gut genug wirken, oder falls der Körper Notlösungen als Symptome somatisiert, haben wir ja noch ein Heer von Therapeuten, Aerzten, die ganze Pharma-Industrie, welche uns ein paar weitere Jahre bescheren, bevor der ganze inner Laden dann doch noch zusammenbricht. Auch lernen wir laufend neu, wie man Symptömchen noch mal austricksen kann, hier etwas Chemie für dieses Symptom, dort mit Mindtechnik, welche nur oberflächlich kuriert, woanders ein paar innere Schränke verschieben. Und das Ganze wird als normaler Ablauf akzeptiert, integriert, weil scheinbar unlösbar.

Wirklich alles aufarbeiten heisst, fähig zu sein, die Uhren auf Null zu stellen, was an Durchhaltefähigkeit einer Drogen-Entwöhnungskuhr in nichts nachsteht. Wer es nur bequem haben will, verliert hier ziemlich rasch seinen Einsatz. Aber auch diese Erkenntnisse sind schon uralt.

War es denn ein Fehler, Rezepten zu Symptomlösungen zu verlangen? Ich denke, es gehört zum Prozess dieser Menschheit, über Fehler zu lernen. Ich finde das ebenfalls unschön, aber wir sind nun mal so. Wichtig bleibt, dass ohne das Recht auf Fehler von freier Wahl keine Rede sein kann. Ob wir bei so viel Leid eine freie Wahl überhaupt noch wollen? Wenn ein Rezept doch wirkt, warum nicht dabei bleiben?

Die Krux: es gibt keine endgültigen Rezepte, die ewig wirken.

Der Grund? Wir verändern uns ständig, ob wir wollen oder nicht. Unsere Familie verändert sich laufend, schon deswegen, weil jede neue Generation, die bei ihr heranwächst, sämtliche Rezepte auf den Kopf stellen will, sobald es ihr erlaubt wurde. Und wird diese Erlaubnis NICHT gegeben, weil der Clan /Staat oder eine nicht zum Clan gehörende Macht von aussen diktatorisch wirkt, dann rebellieren wir so lange, bis die Mauer einbricht. Oder, wenn die Diktatur stärker ist, werden wir zu folgsam angepassten richtigen, aber langweiligen Bürgern, welche die zwangsneurotische Haltung der nächsten Generation weitergibt, bis endlich eine Generation dann doch wieder alles auf den Kopf stellt.

Frauen haben da einen speziellen Status: einerseits sind sie die Hüterinnen der Gewohnheitsrezepte und man gesteht ihnen Veränderungen viel weniger zu. Frauen repräsentieren die Sicherheit des Mannes, welcher selber glauben will, ohne sie würde er das Leben nicht durchstehen. Frauen wurden deshalb besonders zwangsneurotisch an feste Muster gebunden. Andererseits darf die Befreiung der westlichen Frauen aus den ärgsten  Fesseln als eine Meisterleistung gewürdigt werden, auch wenn in zwangdsneurotischen Gesellschaften diese Erungenschaft aufs heftigste verdammt wird. Jedes Mittel darf dort eingesetzt werden, diesen Fortschritt bei uns wieder rückgängig zu machen … vor allem, ihn bei den eigenen Frauen zu verhindern.

Denn wir spühren es, ohne es genau zu wissen: es geht wirklich um die Wurst. Schon Kinder wissen das ganz genau, intuitiv. In der westlichen Welt wurde seit etwa Ende der sechzigere Jahre der Umgang mit den Kindern stark ent-diktatorisiert, man hat ihnen sehr viel mehr Freiheit gelassen, als wir selber damals erhielten, wir wurden oft zu Eltern mit alternativen Erziehungsvorstellungen.

Was als Produkt zu bestaunen ist, lässt noch Platz für ganz viel Diskussionen. Aber es war richtig, diesen Schritt zu tun, ich jedenfalls bin immer noch stolz auf die vier heute erwachsenen Persönlichkeiten, auch wenn ich im nachhinein bestimmt vieles ganz anders machen würde. Jedenfalls haben sie es beruflich und privat alle viel weiter gebracht als ich selber. Sie sind noch jung und das Leben kann noch viele Chancen und Einsichten bieten.

Der Egoteil in uns ist wie ein Taschenrechner, im Gegensatz zum Genieteil in uns, der wie ein Computer arbeiten kann. Der Grossteil der Menschen löst seine Probleme mit dem Taschenrechner, auch wenn die Computerfähigkeit in uns, also der Genieteil, ganz andere Lösungen bringen könnte. Oder anders ausgedrückt: wir fahren mit einem Porsche – im Hinterhof unserer Existenz – ewig im Kreis herum, statt mit ihm auf der Landstasse des richtige Lebens zu fahren. Achtung: ich rede hier vom kleinen Volk, das ungebildet jeden Tag um seinen Job zittert und nicht weiss, wie lange eine winzige Prosperität wohl anhalten wird und nicht nächstens von einer nicht kontrollierbar geglaubten Uebermacht wieder ausgelöscht werden darf. Ich erinnere mich, als Kind meinen Vater nie verstanden zu haben, warum er derart daherredete. Damals wusste ich noch nicht, wie die realen gesellschaftspolitischen Kräfte mit uns unteren Schichten umgehen.

Es kann passieren, dass wir durch Zufall, durch Mindtraining oder sonstiger Hilfe einen Zugangscode finden zwischen Taschenrechner und Teilaspekten des Computers, also zwischen dem Ego-Teil und dem Genieteil in uns. Dann öffnen sich uns neue Perespektiven, mit welchen wir leider oft alleine gelassen bleiben, vielleicht auch, weil wir selber kein Vetrauen mehr haben in fremde Rezepte. Wir können wohl rechts und links Hinweise aufschnappen, aber wir wissen, wir sind selber für jede Wahl verantwortlich, zahlen am Ende selber die Rechnung. Nichts für Weicheier.

Viele Menschen haben ihre Sehnsucht in die für sie einzige räumlich offene Fluchtmöglichkeit investiert: in die mythologisch geschaffenen Freiräume einer nicht physisch vorgestellten Welt, wo höhere Meister das Sagen haben. Also Wesen, die so hoch entwickelt seien, dass sie keinen irdischen Körper mehr bräuchten. Siehe die ganze New Age Story. Dort, in diesem Freiraum, werden die physisch-gesellschaftlich-psychischen Einengungen durch seelisch-geistig fabulierte Freiräume kompensiert. Dort endlich wird Unendlichkeit noch erlaubt. Dort darf man sich noch fast risikolos austoben. Physisch-gesellschaftlich bleibt Abkapselung bestehen, sind die Grenzen von Sicherheit suggerierenden Gewohnheiten fast intakt. Die vertrauten Regeln können eingehalten werden, weil der physische Körper ja nur die Hülle sei von etwas Edlerem, Erhabenen … eben die Seele, das Nichtstoffliche. Wir sind uns nicht bewusst, WAS wir uns selber da antun mit dieser Flucht. Uns, und der ganzen Menschheit.

Jedes Kind darf heute stundenweise seine Familie verlassen, beim erwachsen werden dürfen fremde Länder und Kontinente besucht werden, aber ausserhalb des Planeten ist Ende der Fahnenstange.

Eventuelle Ausserirdische, falls deren mögliche Existenz real überhaupt imaginiert werden darf, also solche ETs können nach gängigem Mainsstreamdenken nur bösartige Eroberer sein. Nur eine Gruppe von Ausserirdischen haben wir verschont: die Engel, die Götter, pardon, den Einen Grossen selber. Aber dieses Privileg erhalten sie nur, weil sie den Anstand haben, Nicht-Physisch zu bleiben. MIT einem physischen Leib versehen können die nur böse Ausserirdische sein, also Eroberer.

Das Ghetto Erde als Abklatsch unserer gespaltenen Persönlichkeit.

Der Körper sei die Kutsche, die Emotionen seien dessen Pferdegespann, das Ego sei der besoffene Kutscher, welcher auf dem Sitz hoch oben das ganze Gespann führen sollte. Aber weil er praktisch immer besoffen sei (ich verstehe: mit Rezepten und Notlösungen sich selbst zu einem Roboter reduzierte), also, weil er praktisch handlungsunfähig sei, würde dieser Kutscher sein Gespann bloss im Hinterhof im Kreise herumdrehen, statt mit ihm auf der weiten Landstrasse das Leben zu erleben … eine Variante der obigen Geschichte mit dem Porsche. Fehlt noch der Passagier in der Kutsche … wahrscheinlich so etwas wie unsere innere Weisheit. (Zitat aus einem der vielen Psychokurse).

Das Kind erlebt noch am ehesten die Einheit zwischen innen und aussen, hauptsächlich beim Spiel. Wir Erwachsene können über Tiefenarbeit oder schöpferische Tätigkeit wieder zu unserem Inneren finden, uns als Einheit erleben, gewisse Verbindungen wieder herstellen. Wenigstens zeitweise, bis zum nächsten Tiefgang. Es existiert eine tiefere, geniale Kreativität in uns, eine Emotion von unglaublichem Glück kann sich plötzlich melden. Dies ist das Gegenstück zum Alltag, zum bekannten monotonen Ablauf des Vorprogrammiertseins.

Manchmal laufen wir vielleicht meditativ durch einen Wald, ein innerer Schauer erfasst uns. Wir spüren, wir haben keine Gewalt über diese Dimension, wir können sie höchstens verdrängen. Sie ist wie ein Geschenk. Vielleicht haben wir dann kurz Kontakt aufgenommen mit dem Passagier in der Kutsche, dann werden Alltagssorgen bedeutungslos.

Aus Lao-Tse’s Tao Te King erstaunen uns auch heute noch folgende Zeilen:

  • Nichtwollen – Voraussetzung wahren Herrschertums;
  • Ströme und Seen beherrschen die Täler, weil sie deren Grund einnehmen;
  • aus dem Urgrund zu wirken ist Voraussetzhung jeglichen Herrschertums;
  • darin wird der weise Herrscher, wenn er wirklich über dem Volk stehen will, sich in seinen Worten bescheiden beugen;
  • wenn er führen will, sein Ich verleugnen;
  • so herrscht er wahrhaft und das Volk wird nicht bedrückt;
  • er herrscht, ohne dass das Volk sich beeinträchtigt fühlt;
  • alles folgt ihm gerne und erhöht ihn;
  • jeder fühlt sich geborgen und frei;
  • nicht wollend, will auch niemand auf der Welt etwas von ihm.

Ich wünschte mir, jede Mutter ersetze das Wort Herrscher mit dem Wort Mutter, falls sie denn eine Anleitung zum Muttersein braucht.

Und abgesehen davon, bin ich (heute im Sommer 2011 mehr denn je) davon überzeugt, dass nur eine anarchystische Entwicklung unsere Menschheit uns erwachsen genug werden lässt, dass wir selber an den Haaren zu dem Sumpf herausziehen können, in dem wir gerade stecken. Eine anarchystische Menschheit wird die einzige sein, die überlebt, gerade WEIL Anarchysmus uns die volle Verantwortung auflädt, und kein Herrscher, Gott oder sonstige Pappi-Mammis uns unseren Mist aufräumen.

Vielleicht redet Lao-tse auch von unseren zwei Teilen in uns, dem Ego- und dem Genieteil.

Für die ganze Menschheit betrachtet möchte ich im obigen Gedicht das Wort Herrscher ersetzt wissen durch das Wort Sich-selber-voll-bewusste-Menschheit.

Vielleicht merken wir, ich BIN nicht nur das, was mein Ego genannt wird, sondern, ja, ich HABE eines, dann aus dem Blickwinkel des sich selber von aussen betrachtens, und dann kann noch etwas anderes in diesen Blickwinkel mit hineinkommen. Dann kann die Einsicht zur Selbstbegrenzung einfach normal sein, kampflos, einfach nur Einsicht. Dann wird innere Ordnung auch nach aussen möglich und Lao-Tse kann verstanden werden.

Heute, im September 2011: möge es der Menschheit vergönnt werden, solch weise VerwalterInnen über Mensch und Natur aufkommen zu lassen, um damit unsere klassischen Gangsters zu ersetzen. Wir haben es bitter nötig.

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