Mein Schreibstuben-Blog

September 18, 2008

Experimentiergruppen + Jugend- und Menschheitsentwicklung

Filed under: mein Kommentar — heidi @ 02:19

(Im Juni 1983 geschrieben, im August 2011 verdeutlicht und aufgemotzt

WENN schon alternative Strukturen von menschlichem Zusammenleben geschaffen werden sollen, nicht nur im Sinne einer momentanen Möglichkeit, Krisen zu überwinden, sondern auch als schöpferische Gelegenheit, Neues zu schaffen, in Form von gesellschaftlich neuen Strukturen, Entwicklungen, Erlebnissen, so muss unbedingt von nur einem Haus* abgesehen werden und müssen, sagen wir auf eine Stadt wie Zürich mindestens 50 Häuser geschaffen werden, die dann eher die Grösse einer kleinen Villa oder grossen Wohnung haben.
* (Haus = damals von der Stadt zur Verfügung gestellter Freiraum, wo Subkultur sich ausleben durfte = gemeint ist das damals geforderte AJZ)

Dieser erste Satz ist so wichtig, dass ich ihn jetzt fett markieren werde.

WARUM? Ich habe selber jahrelang in Südfrankreich in einer solchen Gruppe gelebt und gesehen, dass:

  • wenn eine Gruppe Chancen haben will, länger zu überleben, sodass die Mitglieder für später echt etwas dabei lernen können, so darf (bei der momentanen Geistesverfassung der Durchschnittsmenschen) die Gruppe nicht grösser sein als 5 – 7 (8) Personen maximum. In der Praxis fangen die meisten Gruppen so an, bis in einem halben Jahr sind dann 2 – 3 wieder weggelaufen, oder Meinungsverschiedenheiten provozierten einen Riss, noch 1 kam vielleicht dazu, sodass im Durchschnitt mit 4 – 6 Personen weitergemacht wird. Grössere Gruppen haben nur dann eine Chance zu überleben, wenn ein Chef da ist, eine Leitfigur und ein hierarchisches Gefüge. Nur in kleinen Gruppen ist nach meiner subjektiven Ansicht eine autonome Selbstverwaltung möglich … aus der Erfahrung gewonnen. Das macht Sinn, denn wir sind alle in Kleinstfamilien aufgewachsen, und ich habe noch keinen Kommunarden angetroffen, der in einer Grossfamilie mit mehr als 5 Geschwister aufgewachsen ist.
  • In der Kommunenzeit haben wir mehrmals versucht, mit neuen Leuten, neuen Strukturen wieder anzufangen und dabei den freien Sex einzuführen, aus der idealistischen Ueberlegung, Beobachtung heraus, dass Zweierbeziehungen innerhalb einer Kommune jeder Gruppenbildung im Wege sind, also praktisch unmöglich machten. Es kann keine Gleichheit vor dem internen Gesetz geben (dem bewusst abgemachten oder nur unbewusst befolgten), wenn zwei eine privilegierte Beziehung haben. So glaubten wir, merkten aber nicht, dass praktisch alle Menschen so etwas nicht lange durchziehen können … inklusive wir selber.
  • Dabei beobachtet: wir waren alle jung, zwischen 16 und 30 Jahre alt, zum Teil verheiratet mit Kindern. Eltern schlossen sich dem geplanten alternativen Schulprojekt an. Die Paare waren zerstritten und hofften, durch ein Kommunenleben, also mit neuen Partnern, einander noch/oder wieder ertragen zu können, um wenigstens für die Kinder zusammen zu bleiben. Das war deren Kalkül gewesen. In Wirklichkeit war der Schock eines Kommunenlebens so gross, trotz Ideologie, Glaube an die gute Sache, dem Willen, es für die Kinder zu tun, und trotz eigenen Fluchtreflexen zum vorherigen Leben, dass das Gegenteil eintraf: die meisten Paare fanden sich wieder, rafften sich auf, um zusammen neu anzufangen. Die graue Alltags-Wirklichkeit des marginalen einfachen Lebens trieb die Leute wieder zusammen, nachdem sie der Pariser Verwöhntheit entsagten. Schon deshalb, weil ‘die Anderen’, also die Kommunarden, doch nicht gerade das waren, wie man sich das vorher, während der Zeit der Revolte so schön ausmalte.
  • Die Kleinfamilie ist das Grundmuster unserer emotionnellen Bestätigung, in ihr haben wir unsere Identität aufgebaugt, 3 – 6 Personen im Durchschnitt haben wir seit mehreren Generationen gelernt in unserem privaten Raum zu verkraften. Wenn viele Leute da sind, sind wir in der Oeffentlichkeit, unbewusst reagieren wir: wir sind nicht mehr bei uns, wir sind bei den anderen. Wir Erwachsene reagierten so, natürlich reagierten die Kinder ganz anders.
  • Wir waren alles Eltern, die mit unserer eigenen Kindheit und deren Erziehung abgerechnet hatten. Glaubten wir. Wir flohen sie, waren aber doch nicht fertig mit ihr. Das heisst, wir waren nicht die schlechtesten Eltern (wenn man da andere sieht !!), aber auch nicht die besten. Wir hatten ein Ideal, und das setzten wir gnadenlos durch: als 5 Elternpaare kauften wir einen Bauernhof in den Pyrenäen, oben am Hang mit weitem Blick ins Tal und ca 65 ha Bergland, meist steile Hänge mit Gestrüpp oder Wald, noch mit etwas buschigem Gras, weil der Bauer früher regelmässig den Hang abbrannte – Im Sommer 1974 fingen wir an, zwei grosse Häuserblocks in einzelne Wohnungen umzubauen, also keine Grosskommune, jedes Paar zuerst für sich mit seinen aktuellen und zukünftigen Kindern. Ziegenzucht, Schreinerei, Arbeit in der Stadt Toulouse als erste Lösungen. Eine Schule aufzubauen waren wir noch nicht imstande, zuviel andere Aufbauarbeit, die Kinder gingen brav in die Dorfschule, unten im Tal. Der Schulweg dorthin war für die Bande eine Gaudi, unterwegs hatte es Obstbäume und allerhand sonst noch Interessantes. Die Freiheit der Berghänge eroberten sie sich im Sturm.
  • Und jetzt kommt der Clou, mit dem AJZ-Gedanken der schweizerischen Jugend anfangs der achziger Jahre verknüpft: die wilde Wucht, die unsere Kinder entwickelten, um in diesen Busch- und Waldhängen Hütten zu spielen … aus den Hütten wurden Geheimhütten, zu der einige andere nur als speziell Eingeweihte Zutritt erhielten. Viele Hütten waren nötig, um dieser Schar den zur Entwicklung dieses Spieles nötigen Raum zu ermöglichen. Diese Hüttenspiele zogen sie jahrelang durch, immer wieder neu, es war der Ort, wo die Erwachsenen nicht hinkamen, wo sie ihre ganze Sozialisierung und Identifizierung miteinander gestalten und immer wieder neu erfinden konnten. Ich bin überrzeugt, den Gewinn, den sie für sich aus diesem Spiel erhielten, können wir gar nicht ausrechnen.
  • Ich meine, je mehr Platz man einzelnen Menschen bzw. ganzen Gruppen gibt, desto mehr können sie darin Neues gestalten, desto mehr können sie Gewinn ziehen in Form von persönlicher und sozialer Entwicklung … mit ein Grund, warum mich die derzeitige Tendenz – im Jahre 2011 – so ärgert, alles auf klein, sparsam zu machen, auf sich nicht existent in einer Ecke verschanzem, sich eingraben, zum Verschwinden bringen, aus einem übertriebenen Oekologie-Gedanken heraus.
  • Dass wir diesen Trend zahlen, indem wir nicht einmal mehr fähig sind, etwas mehr Begeisterung für grosse Entwürfe aufzubringen, merken wir nicht. Wollen, oder sollen wir alle seelisch zu Bonsai-Menschen werden? So wie Bonsai-Bäume in einer Miniaturschale dahinvegetieren? Der Grossfinanz würde das sehr passen, dann wären wir noch unfähiger als jetzt schon, ihnen überhaupt entgegen zu treten.
  • Also, wie bei unseren Kindern damals eine Hütte möchte ich als Zukunftsmusik in der Stadt solche Orte, viele solche Orte, welche als Experimentier-Plätze bekannt sein werden. Es müssen Orte sein, welche HEIMAT sein sollen. Das ist aber nur möglich, wenn wir uns wohl fühlen, also mit Menschen, mit denen es klappt. Wir versuchten damals, uns zur absoluten Offenheit zu zwingen. Das ist, wie sich zur freien Liebe zu zwingen. Es geht nicht. Unsere Menschheit ist sich selber zu fremd, als dass mit jedem Menschen freie Liebe möglich wäre. Und doch wollen es immer wieder einige versuchen. Das soll auch erlaubt sein.
  • Das setzt eben voraus, dass VIELE Experimentier-Wohnorte zur Verfügung stehen, weil wir nicht verschiedene Experimente im gleichen Wohnraum gleichzeitg laufen lassen können. Theoretisch ja, aber wir sind dazu noch nicht genug entwickelt. Vielleicht in hundert Jahren. Wenn wir diesen Minimal-Ansprüchen nach vielfältigem Platz nicht positiv begegnen, sind Anläufe zu neuen Ausdrucksformen, die letztendlich die Menschheit erneuern, zum scheitern verurteilt.
  • (Zusatz: ich weiss, ich tue so, als ob das alles von oben organisiert werden sollte. Nein, das meine ich nicht, da habe ich mich nicht genau genug ausgedrückt. Ich meine nur, dass legal, gesellschaftspolitisch und finanziell, aber vor allem auch architektonisch, in den Häuserstrukturen, nicht noch Hürden gebaut werden sollen. Doch, das ist jetzt so, also muss einfach Platz zur Verfügung stehen. Nicht nur finanziell garantierter Platz, sondern auch rechtlich garantiert, ich meine genau, nicht nur dem Buchstaben nach legal, sondern kuklturell, in den Köpfen der Menschen akzeptiert).
  • Und hier gilt ein weiterer Punkt: das Geld fehlt … für alles. Wir sind eine Menschheit, welche es fertig brachte, nichts mehr zu entwickeln, weil überall das Geld fehlt. Dabei müssten wir uns aufraffen und eine andere Masche als die Hochfinanz erfinden, die jetzt unser Leben steuert. Und das Neue dann auch durchsetzen.
  • Dazu sind wir Menschen heute zu sehr kaputt. Gemeint ist, wir sind derart programmiert, dass Erneuerungen der Gesellschaftsformen damals in der Hippyzeit zwar möglich waren, aber ausserhalb dieser Subkultur nur Unverständnis dafür existierte, ausser bei einigen Nostalgie-Intellektuellen. Dann implodierte unsere ganze Szene und heute ist das Thema tabu: keiner will dieses angebliche Versagen eines grossartigen Impulses noch einmal spüren müssen. Die uns nachfolgende Generation, also die Kinder, welche in solchen Kommunen aufwachsen mussten, vergessen am liebsten alles. Die Idee war gross, wir waren dafür total unvorbereitet, ohne Leitfaden, hatten nur den Gedanken: nie mehr so wie vorher.
  • Denn eigentlich waren wir doch nur von der Ueberwindung des Wildschwein-Syndroms besessen: Wildschweine möchten zusammenrücken, wenn ihnen kalt ist, aber dann berühren sie sich mit ihren Stacheln und sie bewegen sich wieder auseinander. So geht es doch uns Menschen: etwas näher, dann wieder etwas weg, bis wir wieder kalt haben … etc.

Wir brauchen zum einander Verstehen eine andere Entwicklung. Wir brauchen:

  • eine andere, bewusste Art, mit unserer Angst umzugehen und merken lernen, was ist echte und was eingebildete /projizierte Angst.
  • unsere Hoffnungen erkennen und lernen, sie als positive Kraftschübe zu benutzen.
  • unsere Fähigkeiten kennen und lernen dürfen, und die Gelegenheit erhalten, sie einzusetzen.
  • wir müssen glauben dürfen, dass unsere Verschiedenheiten ein Gewinn ist für die ganze Menschheit und uns dabei gegenseitig fördern.
  • wir müssen unterscheiden können zwischen unserem Bedürfnis, mit anderen Menschen zu verschmelzen, in Symbiose zu treten, und auch wieder, als einzelner Mensch müssen wir uns absondern können, nein sagen dürfen, wenn nötig gegen die ganze Truppe.
  • wir müssen als einfache Menschen wieder lernen, Situationen selbständig zu meistern. Damals, als primitive Halbwilde konnten wir das noch, jetzt sind wir angepasst, unterordnet, erzogen. Jetzt warten wir bei jeder Krise, dass Pappa Staat es schafft. Und wenn er versagt, wählen wir das nächste Mal die Gegner der aktuellen Machthaber, so ein paar Mal hin und her.
  • Am Ende wenden wir uns an höhere Mächte, warten, bis Ausserirdische unseren Laden wieder in Ordnung bringen. Wir sind zu Kindern gemacht worden die so tun, als seien sie erwachsen. Wir sind nicht einmal fähig, diese Finanzkrise so in den Griff zu kriegen, dass wir die Banditen verjagen, um selber miteinander ein Lösung zu finden. Wir sind dazu zu blöd, zu kindisch, zu unreif, zu ängstlich. Wir bleiben lieber brav da, wo man uns hingestellt hat.
  • Und wenn eine ganze Gruppe zusammen etwas hilflos versucht, mithilfe von neuen Ideen etwas anderes zu basteln, wird sie schnurstraks als Sekte abgestempelt, die Mitglieder mit Minderwertigkeit belegt, damit sie ja in einer Ecke weit weg verschwinden. Und die Menschen dort echt, real zu einer wirklichen Sekte, d.h. zu Ausgestossenen, werden. Damit der Rest ja ruhig weiterschlafen kann.
  • Wir müssen den Sozial Darwinismus wieder abschwören und uns … vielleicht nicht in Nächstenliebe, damit sind wir überfordert … aber im Respekt vor der Einzigartigkeit eines jeden von uns etwas mehr üben.
  • Wir müssen uns wieder das Recht nehmen, in Uebereinstimmung mit unserem eigenen Gewissen zu handeln, statt brav irgend einem Zwangsneurotiker hinterher zu trotteln, wie in der jetzigen Finanzkrise. Dieser Schritt ist die Voraussetzung zum Gelingen aller Veränderungen, die nicht in der Diktatur eines nächsten Zwangsneurotikers enden soll.

Veränderungen zu bewirken ist lernbar, machbar. Zu lernen, Erneuerungen hervorzubringen, als Einzelne und als Menschheit, wurde bis heute sträflich vernachlässigt. Ich rede hier von uns gewöhnlichem Volk, bei dem solche Entwicklungen als unmöglich dargestellt werden, als Spinnerei abgetan. Natürlich gibt es da und dort Familien mit höherem Niveau, diese Leute machen aber nicht die Menschheit aus. Natürlich gibt es immer Intellektuelle, welche unter sich wursteln. Im Volk werden sie nicht gehört, nicht verstanden. Besonders die ganz links aussen.

Unsere Menschheit besteht zum ganz grossen Teil aus armen Leuten, die froh sind, wenn sie gesund überleben, wenn kein Krieg oder Naturkatastrophe ihnen das Bischen wegnimmt, wenn ein König oder Pappa Staat alles macht. Da ist keine Reserve da für höhere Entwicklung. Und solange wir glücklicheren aus der ersten Welt dies zulassen, geht es kaum bergauf als ganze Menschheit. Grundsätzlich gelten die gleichen Gesetze für alle.

Also, um eine neue Kultur überhaupt entwickeln, einleiten, weiterführen zu können scheint mir ein einziges Zentrum in einer grossen Stadt – so wie etwa das damals in den Achzigerjahren geforderte AJZ, wo bis zu 500 verschieden denkende Menschen zusammen kommen – eine Ueberforderung an jeden, der dort etwas bewirken will. Eigentlich ist es eine Frechheit, Menschen so etwas zuzumuten, die Kräfte und den Mut haben um etwas Neues zu entwickeln. Ein Scheitern kann nur vorprogrammiert sein, und ich denke, dass viele sich dessen bewusst sind.

Natürlich fehlt es an Geld … aber genau da liegt doch der Punkt. Wir sind diesem Kapitalismus gegenüber gleich abhängig wie der Heroinsüchtige nach seinem Joint. Natürlich ganz cool, ganz Zen. Wir sind nur zu blöd, es uns anders überhaupt vorstellen zu erlauben. Schade. Vielleicht muss diese Finanzkrise uns noch viel mehr in die Knie zwingen, damit wir uns endlich doch noch rühren.

Erneuerungen der Gesellschaft werden weiterhin so laufen: kleine Grüppchen werden zusammen etwas verändern. Meist dort zuerst, wo es noch vorstellbar ist: im Sexualverhalten oder in der Religion. Wirtschaftlich wenig voraussehbar, weil kein Mensch heute seine eigen wirtschaftliche Situation voraussagen kann, sicher weiss, wie er morgen dasteht. Ausser wir Rentner. Ich habe meine Minimalrente, das ist wenig, aber sicher. Ich weiss, mein Ueberleben ist so lange gesichert, als die Wirtschaft und der Staat noch laufen. Zu vielen schon ist das nicht mehr vergönnt, damit sind Experimente wirtschaftlich kaum durchziehbar.

Ich plädiere nicht für neue Experimente an sich. Meistens sind sie nicht viel wert. Aber sie sind das am besten geeignete Instrument zum erwachsen werden. Nicht leicht durchzustehen, da Anleitungen fehlen: wenn der andere so nah neben dir lebt und du doch mit ihm kaum eine innige Beziehung hast. Da entstehen wertvolle Situationen, wo du dich als Mensch kennen lernst. Wenn du aufmerksam bist, ehrlich zu dir selber und die innere Kraft hast, das Leben anzupacken, zu geniessen, kreativ zu sein und duldsam gegenüber anderen kannst du in ein, zwei Jahren echt erwachsen werden. Jedenfalls viel sicherer als bei einer vorgeschriebenen Laufbahn vom Baby bei Mammi via die Schul-Leiter zum verheirateten Partner mit festem Beruf und Superauto in der Garage. Was du am meisten lernst: du weisst, dich kann nichts mehr umwerfen, du verlierst die Lebensangst fast ganz. Du weist, du kommst sogar in Kommunen durch, also bist du jetzt richtig fürs Leben geimpft. Du bist kein Muttersöhnchen /Muttertöchterchen mehr.

Natürlich würden viele diverse solche Experimente, von fast jedermann in seinem Leben mindestens einmal gelebt, am Ende zu einer vielfältigen Gesamtkultur führen, die wir heute noch nicht sind. Wir sind immer noch kulturarm, weil wir Kultur nur als etwas von aussen Betrachtetes erleben. Wir BETRACHTEN Kultur, anstatt neue Kulturformen selber zu erleben.

DIE KINDER:

Neben dem Hüttenbauen-Bedürfnis, das noch Aehnlichkeiten aufzeigt mit dem AJZ-Wunsch, hatten unsere Kinder damals das Bedürfnis nach WEITE schnell als Teil ihrer Beschäftigung kapiert: es gab Eltern, die gerieten in Panik, dass ihr Siebenjähriger plötzlich für ein paar Stunden im Wald verschwand und nachher friedlich zurück kam. Es wurde schwer als Bedürfnis anerkannt, dass auch ganz kleine Menschen eben Freiheit brauchen … auch räumliche Freiheit. Also viel Raum um sich. Freiraum … Also bitte, wir hatten 65 Hektaren Gestrüpp und Wald um uns herum, meist in Form von steilen Hängen. Erwachsene können nicht mehr nachfühlen, was für ein Paradies da auf Kinder wartet.

Die Kinder hatten sich ein nettes Bauernkinderdasein eingerichtet, als nach zwei Jahren auch die Eltern fähig wurden, endlich diese alternative Schule für unseren Nachwuchs zu eröffnen. Neue Eltern und Kinder kamen dazu. Und da waren auch noch vier Engländerbuben,  die kein Wort Französisch verstanden und deren Eltern als Künstlerpaar galten. Sie hatten das Alter meiner vier Kinder, wohnten bei uns, nach drei Monaten sprachen sie normales Französisch, sogar ohne Akzent.

Als Grundlage unserer Alternativschule profitierten wir in Frankreich von einer Institution, die in der Schweiz fehlt: der normale Schulunterricht in einem streng überwachten, gut programmierten Fernkurs, wo alle Lektionen behandelt werden. Damals waren viele Lehrer aus ihrem Beruf ausgestiegen und in die Selbstversorgung abgewandert, wir hatten gute Leute, welche das obligatorische Fernkursprogramm am morgen durchzogen, der Nachmittag war von den Schülern bestimmt. Sie lernten sehr viel, vor allem, selber zu bestimmen, was sie lernen wollten. DIESER SATZ IST ABSOLUT WICHTIG!

Kinder, welche die Chance erhalten, Teile ihrer Entwicklung selber bestimmen zu dürfen, werden viel bewusster, entscheidungsfreudiger, verantwortungsfähiger.

Mein Gott, wenn Pappi-Mammi-der Lehrer immer alles bestimmen, da muss es einem doch ablöschen. Sehen das die Erwachsenen denn nicht? Wenn heute so viele Jugendliche gar nichts mehr müssen wollen, nur noch auf Lustempfindungen reagieren wollen, liegt an diesem Punkt doch etwas vergraben.

Leider waren nach zwei Jahren wir Eltern derart unter uns zerstritten, nicht wegen der Schule, sondern wegen uns selber, dass die Schule nicht mehr durchgezogen werden konnte.

Das Ganze könnte als ein Versagen dargestellt werden, aber für mich war das Ganze eine grosse Erfahrungsbereicherung. Ich bereue keinen Augenblick, auch nicht harte Momente, wo wir aufenander los gingen. Ich hab gelernt, Angst soll besser ausgelebt werden statt hinuntergeschluckt, wird mit einer bewussten Reaktion besser verstanden. Was wir falsch machten, haben wir erlebt und uns bewusst gemacht, dabei ein reicheres Leben gehabt als ein Leben als Topfpflanze mit vorgegebenem Programm mit Stadtwohnung und Bürojob. Als unsere Jungmannschaft später wieder die normale Schule besuchten, waren sie viel besser drauf, bei den besten Schülern, weil sie inzwischen erlebt hatten, WARUM sie lernten. Kinder, die ihren Schulstoff selber auswählen dürfen, wissen besser, warum sie lernen, und tun es deshalb auch besser. Und später, wieder in einer Normalklasse, bleibt ihnen dieser Reflex. Mein Nachwuchs ist heute über 40 Jahre alt, alle vier meistern ihr Leben und geniessen es auch.

Doch, jedes Experiment ist es wert, gelebt zu werden. Auch solche, die nicht gelingen. Schöner wäre eine ganze Subkultur von Experimenten, zum Austausch untereinander, und auch um schöpferisch die Normalgesellschaft zu beleben. Na gut, vielleicht bin ich ja nur zu stark von der Trostlosigkeit meines damaligen Elternhauses geprägt, sorry, vielleicht gibt es ja tolle Familien, in denen es sich gut lebt. Ich kenne nur keine. Aber vielleicht zieht man sich halt gegenseitig immer nur gleicher mit gleichem an.

Was ich an unserer Menschheit noch bemängle ist der latente Rassismus zwischen jung und alt. Zwar ist er hier im französischen Genf viel schwächer als in der harten Deutschschweiz. Natürlch können wir lernen, damit zu leben. Aber es ist falsch. Sich gegenseitig akzeptieren heist, sich damit auch wohl zu fühlen, wenn der andere ganz anders tickt. Und genau das fehlt uns.

Dann könnten jung und alt sich gegenseitig bereichern. So geht immer viel verloren. Für nichts. Aus Dummheit, aus Unvermögen.

Die Betreuer:

Betreuer mit Verhaltensmustern von unseren Grosseltern (doch, gibt es noch!) sind überzeugt, sie müssten die Gruppe durch Dominanz leiten. Dann gibt es Jugendliche, welche schon mehr Freiheit entwickeln durften, also gibt es Reiberei. Es wird argumentiert, man könne für Betreuung nicht so viel bezahlen, also stellt man nicht professionnelle Menschen ein, welche in Erziehung und Betreuung nicht nach den neusten Erkenntnissen arbeiten. Dominanzt aber wirkt infantilisierend, das ist nicht gut für die Entwicklung.

Wir alle, besonders Jugendliche, müssen Fehler machen dürfen, sich die Nase so richtig einrennen dürfen, auch nur, um die eigenen Grenzen endlich wahrzunehmen, nachdem Mammi erfolgreich verhinderte, dass ihr (schon grosses) Baby sich am Leben reibt. Den Jungen dieses Experimentieren der eigenen Grenzen zu stehlen empfinde ich als ein Vergehen. Ich sage das ganz bewusst, nicht nur so emotional. Mütter merken gar nicht, was sie ihren Kindern antun, wenn sie sie vor dem Leben schützen wollen.

Und noch ein Letztes: mir scheint die Geschichte mit den Rechtsextremen doch bedeutender, als man nach aussen zugibt. Ich denke, nur eine kleine Zahl von Menschen wären von sich aus Rechtsradikal. Aber es gibt Leute im Hintergrund, welche diese Tendenz bewusst leiten /manipulieren /anweisen. Da wird Zerstörung absichtlich vorausgeplant. Ich bin fest überzeugt, dieser Norweger Rechtsradikaler hat nie alleine sich so aufbauen können, sich alleine das Geld beschaffen für all diese Waffen. Dort muss unsere Gesellschaft hart durchgreifen lernen, bis weit nach oben.

Je vielseitiger die Kulturen und auch die bewusst gelebten Subkulturen sich ausdrücken, umso weniger haben Radikale eine Chance, überhaupt hochzukommen. Radikalismus wächst vor allem in der Eintönigkeit gleichmacherischer Intoleranz, in der Armut und Enge von zwangsneurotischem Angepasstsein, in der Richtigkeit jener, die sich als die Guten darstellen müssen, nur um vor sich selber und dem eigenen inneren Richter zu bestehen.

Nachtrag: Heute, im Jahre 2011 wird in Sachen Erneuerung viel von den sogenannten NGOs, den Nicht-Regierungsorganisationen erwartet. Ich habe jedoch etwas anderes gemerkt: sobald eine Struktur Erfolg verspricht, wie vor vielen Jahren die ersten NGOs, gehen die Kinder der reichen Elite, nachdem sie ihre Kaderschulen absolvierten, für ein paar Jahre in diese NGOs, lernen dort viel, prägen diese Strukturen mit dem, was sie sind … eben mit elitärem denken und handeln … was die gewöhnlichen NGO-Leute, die oft etwas Mühe haben, dankbar akzeptieren … heute sind die grossen NGOs kein echter Gegenpart zur Hoch-Elite, sondern funktionnieren in der gleichen oder fast gleichen Masche, weil sie als Partner ja erfolgreich sein wollen, nicht wahr, ist doch logisch … das ist ja gar nicht schlecht an und für sich, nur eben keine Veränderung mehr … und eine WIRKLICHE Erneuerung muss jetzt halt noch eine weiter Runde warten.

Ich meine ja nur, solange das Volk sich dafür schämt, was es ist, und es nur alles den Reichen, den Eliten nachmachen muss, kann von Revolution, von Veränderung, von Erneuerung keine Rede sein, weil klammheimlich immer noch der gleiche Sozial-Darwinismus im Koffer mitreisen wird.

Link:  Social Darwinism im englischen wikipedia.

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