Mein Schreibstuben-Blog

December 24, 2009

Leserbrief an Schweizer TV zur Sektenabhängigkeit

Filed under: Leserbriefe, von mir an jemand — heidi @ 02:13

e-mail vom 29. Nov. 2002 an SF1, nach der Sendung QUER vom gleichen Abend: 

Sehr geehrte Damen und Herren, Mich wundert immer wieder, wenn von Gurus-Heilern-Sekten abhängig gewesene Menschen ihre Geschichte erzählen, dass keiner sich wagt, wenn es um die Ursachen solcher Abhängigkeit geht zu sagen:

Abhängigkeit wird zuerst in der Familie gezüchtet. Und gleich auch noch das Pendent dazu: auch das nicht mehr selber denken dürfen ebenfalls!!

Wenn in einer Kindererziehung das selbständige Denken nicht gefördert wird, wie soll später der Mensch dies in einer solchen Situation können? Jeder kann einem Idioten nachlaufen, aber dann können wir uns aufraffen und zugeben: he, spinn ich eigentlich?

Mit selbständigem Denken verstehe ich nicht, dass man dem Kind immer alle Fragen POSTWENDEND beantwortet (also unbewusst so einen Begriff von Richtigkeit züchtet – was einem als Pappi /Mammi zusätzlich ein gutes Gefühl geben kann), dafür, Antworten nicht sofort zu geben, sondern es anzuspornen, mal selber zu denken. Also mit ihm zu diskutieren. Ihm zu lernen, etwas von mehreren Seiten anzusehen. Wenn so ein dominanter Heiler daherkommt, muss man das schon können.

Oft gibt es Familien, welche als ganze Gruppe nach aussen sich bemühen, ein einhelliges Profil zu präsentieren. Sie müssen sich zwanghaft um das Bild der Einheit bemühen. Ich weiss, von was ich rede, meine Familie war zB so. Mein Vater hat abweichende Meinungen beschimpft, er hat intern für ein nach aussen gut aussehendes Profil Druck gemacht. Dies, obwohl er viel von Freiheit (der schweizerischen) quasselte.

Warum dürfen Sie in ihren Sendungen nie darauf hinweisen, WIE und WO und WANN solche Meinungsabhängigkeit auch in Familien regelrecht gezüchtet wird? Klammheimlich. Quasi unbemerekt. Sicher tabuisiert. Diese Frau sagte noch heute abend: jetzt, mit 50, fange ich an, mich zu wehren. Ja aber, dann war sie vor der (Sekten-)Abhängigkeit schon so? Da hätten Sie einhaken müssen!

Ich weiss, diese Frau darf nicht vor allen beschämt werden. Aber dann müssen Sie unbedingt auf eine bald stattfindende andere Sendung hinweisen, wo Abhängigkeit thematisiert und aufgearbeitet wird. Dann ist diese Frau nicht mehr direkt in der Schusslinie – wird nicht direkt begafft – und kann solche Strukturen an der TV ruhig betrachten und zugeben.

Ich denke, wir müssen unsere eigenen Strukturen unbedingt ebenfalls durchleuchten und zugeben. Und die werden in der Kindheit gesetzt. In sogenannten braven, rechtschaffenen Familien, mit einem reinen (zu reinen) Bild nach aussen.

Wenn Sie einfach nur immer die Schuld auf böse Gurus und co abschieben, wie Infosekta dies tut,  dann machen Sie die Leute nicht selbständig, sondern Sie bläuen ihnen ein, andere (wieder andere) müssten ihnen helfen. Sie schaffen dann bloss eine (neue) Abhängigkeit und eine Gegen-Ideologie.

Und das finde ich halbpatzig, da können wir noch etwas verbessern.

Ich behaupte, wir müsssen lernen, uns selber aus solchen Abhängigkeiten zu befreien. Und das fängt (mit) /in der Kindheit an, und Familien sollen darauf hingewiesen werden. In Elternerziehung. Mit guten TV-Sendungen. In Zeitungen mit guten Artikeln. Und, Sie sollen auch den Leuten aufzeigen, wie man sich in einer solchen Situation selber befreit.

Mit freundlichen Grüssen, Heidi …

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