Mein Schreibstuben-Blog

December 22, 2009

Leserbrief zur Entschuldung armer Länder

Filed under: Leserbriefe, von mir an jemand — heidi @ 02:15

am 29. September 1989 geschrieben, als Reaktion zum Artikel Entschuldung – Ansätze zu einer humanen Stategie, Basler Zeitung vom 28.9.89/Seite 3:  

Sehr geehrte Damen und Herren, Der Artikel von Dr. R. Gerster vergisst wichtige Punkte über unsere Segnungen an die Entwicklungsländer:

  • Sobald durch unseren Wissens-Transfer die Natur in diesen Ländern künstlich unterstützt wird, können nur noch Reiche (dort) mithalten. Ob diese modernen Segnungen für Tiere, Pflanzen oder Menschen bestimmt sind oder einfach moderne Technik bedeuten, immer sind sie mit finanziellen Investitionen verbunden. Am besten bekannt sind (1989) die Probleme verbunden mit Düngmittel, Pestiziden und sonstiger Pharmaprodukte, gelten aber für alle Sparten. Immer können die (dortigen) Armen nicht mehr mithalten.
  • Alle den Drittweltländern kostenlos zur Verfügung gestellten technische Entwicklungen oder Züchtungen landwirtschaftlicher Produkte (Tiere, Pflanzen, Technologie) verkauft jede (dortige) Regierung ihren eigenen Leuten weiter, gibt also nichts gratis an die Armen ab, denn eine Regierung kostet Geld. Viel sogar. Da ist jede Geldquelle gut genug. Resultat: nur bemittelte Bauern erhalten etwas, die schon Armen werden noch ärmer, sobald die neue Technologie doch noch Fuss fassen und etwas bringen kann. Unter diesen Umständen kann man für die Armen (nicht für das Land an und für sich) nur hoffen: möge diese neuen Technologien in diesem Land nicht gelingen.
  • Mit den vielen Arbeitslosen, die jedes Land zu beklagen hat, wäre doch ein arbeitsintensiver Betrieb die richtige Lösung. Besonders in einem Land, in dem der tägliche Gebrauch dieser, von uns doch geschenkten Technologie, den Leuten dort immer noch teurer zu stehen kommt als die Hungerlöhne der entsprechenden Arbeiter.
  • Aber Projekte, die zwischen zwei Staaten, also einem Geber- und einem Nehmerland verhandelt werden, bedeuten oft schlüsselfertige Installationen, wie sie bei uns üblich sind und kein Land wird da nein sagen. Sonst gibt es nächstes Jahr weniger Entwicklungshilfe (geldmengenmässig gesehen).
  • Und wer noch tiefer in diese Sache hineinsieht und richtig fertig deutet, der merkt: unsere eigenen Firmen in den Industrieländern werden eben für diese Installationen mit Regierungsaufträgern bezahlt. Also geht es eigentlich um Arbeitsplatzbeschaffung- bzw. Erhaltung bei uns … eigentlich ein rein internes Geschäft des gebenden Industrielandes.

Kurz auf einen Nenner gebracht:

  • Via hiesige Steuerzahler profitieren also in Entwicklungsländern die Reichen von unserer Technologie, mit Hilfe deren sie die Armut im eigenen Land zementieren.
  • Unsere Hilfe wird für die einheimischen Bauern immer mehr zur tödlichen Konkurrenz, sie können preislich nicht mehr mithalten. Ein Jahr später dann schicken wir noch mehr Hilfe, falls die Betreffenden nicht vorher an einer Hungerkrankheit gestorben sind.
  • Paradoxerweise stärkt unsere Entwicklungshilfe die ausbeuterischen Machtstrukturen gegenüber den dortigen Armen, Strukturen, welche die Ursache von Hunger und Unterentwicklung sind. Diese sind dort zuerst hausgemacht (pardon, vom Westen auch unterstützt, gar verordnet). Wir unterstützen sie weiter mit unserem Marktsystem. Wenn wir billige Marktprodukte kaufen, hat der dortige Grossgrundbesitzer sehr wenig dafür und sein Lumpenproletariat gerade genug zum sterben …

Mit freundlichen Grüssen, Heidi.

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