Mein Schreibstuben-Blog

December 22, 2009

Leserbrief an die BaZ, Gleichgewicht aller Faktoren

Filed under: Leserbriefe, von mir an jemand — heidi @ 02:17

Antwort (am 22. November 1986 publiziert) auf den langen Artikel in der BaZ /no. 266: Die Angst vor dem Untergang des Abendlandes, vom 13. November 1986:  

Einigen im Pariser Forum ausgesprochenen Ideen ist mit Grundsätzlichem zu widersprechen:

  • … weniger Kinder kommen auf die Welt … Es scheint den Militärs immer noch entgangen zu sein, dass die Frauen, die diese Kinder gebären, ihr Leben heute selber bestimmen und ob sie diese Kinder überhaupt wollen. Frage: was wollen diese Militärs schützen, indem sie uns Frauen schützen wollen? Uns, oder die Idee, die sie von uns Frauen haben).
  • … Ueberschwemmung von Ausländern … Mir scheint typisch für solche Redner, dass Gastarbeiter und Flüchtliche mit Terroristen in einem Atemzug genannt werden (eben, alle die anders sind als wir).
  • … Kurve in der Natur, die abflacht … Liess: Geburten werden schon wieder ansteigen (Hoffnung dieser Männer). Eben, eben, die Frau ist immer noch das Stück Natur, das es zu bewältigen gilt … Ueberhaupt nichts gelernt.

Aengste: drei sind aufgezählt: Gedburtenrückgang als solcher, Sozialsystem /Altersversorgung, Verteidigungsschwäche. Ich find es wiederum typisch, dass die offensichtlich männerkultivierteste die auch am meisten betonte ist. Man wird den Eindruck nicht los, dass Sozialethik und der ganze Rest nur zur Verschönerung des fast nicht mehr versteckbaren Machtwillens herhalten muss, und dementsprechend sowieso zweitrangig ist.

Dem entgegenhaltend wünsche ich:

  • vorübergehend vor allem weniger männliche Kinder, bis die Kriegshetzerei aufhört mangels Soldaten.
  • Die Frau soll nie mehr zu dem Stück Natur rückwärtsdefiniert werden können, aus der sie, wenigstens in einigen Köpfen hierzulande, entwichen ist. Oder anders herum gesagt: wenn schon Natur, dann wenigstens Natur so, wie sie seit Jahrtausenden ist: ein Gleichgewicht aller Faktoren, die einander gegenseitig nie total ausmerzen, und von dem gerade diese Herren viel lernen könnten.
  • Frauen, die noch in Kulturen leben, die zum Inhalt haben, dass die Frau dem Mann gehorchen soll, müssen von uns die nötige Hilfe erhalten, die ihnen eine Emanzipation nach deren eigenen Vorstellungen ermöglicht.

Meine Angst:

  • dass wir Menschen es nicht mehr schaffen, dieser Art Mentalität,  die eben immer noch an der wirklichenMacht sitzt, das Handwerk zu legen und ein Umdenken auf noch breiterer Basis als schon erreicht zu erarbeiten.

Geburtenrückgang:

  • wenn die Frauen (in der dritten Welt und sonstigen ärmeren Ländern) mehr Kinder als bei uns produzieren, dann auch nur daher, weil dort die Frauen in einem vielschichtigen kulturellen und ökonomischen System leben, das sie dazu auffordert und zwingt. Ich bin überzeugt, dass jede Frau, wenn sie dazu die Möglichkeit und (vom Ehemann) das Recht hat, ihre Kinderzahl vernünftlig reduziert. Die Antwort auf ein Geburten-Ungleichgewicht Abendland versus übrige Menschheit ist nicht, uns mehr Kinder anzuhängen, sondern, den Frauen in anderen Kulturkreisen zu helfen, ein nicht vom männlichen Denken bestimmtes, ökonomisch unabhängiges Selbstverständnis zu erhalten, was immer nur via ökonomische Unabhängigkeit der einzelnen (Frau) möglich sein wird.
  • Die ökonomisch Schwachen, u.a. Frauen, benötigen eine wirtschaftliche Realität, die solche Tatsachen berücksichtigt und darauf abgestimmt ist. Wir in unseren Breitengraden können mithelfen, solche wirtschaftlich gerechten Realitäten zu verlangen, durchzusetzen. Noch 1965 (!) wurde in Südwestfrankreich von einem Arzt in der Provinzhauptstadt auf die Frage nach der Pille geantwortet: Madame, ich habe schon mit dem Medizinerorden Schwierigkeiten, weil ich zu vielen Frauen die Pille unter einem medizinischen Vorwand verschrieb. Wenn ich noch eine weitere Pille verschreibe, werde ich (durch den Mediziner-Orden) vom Berufsregister gemerzt. Wir vergessen heute, 1986 in Europa,  wo wir herkommen: direkt aus dem Mittelalter.

Altersversorgung:

  • Noch nie etwas gehört von Umstellung auf die Geldquelle Abgabe pro industriell hergestellte Einheit statt auf nominelle Arbeitnehmerbeiträge, die sowieso immer weniger werden. Die Gleichung mehr Kinder und doch weniger Arbeitsplätze scheint jedenfalls nicht aufzufallen …
  • … mein heutiger Kommentar dazu (2011): ok, die Indusstriellen jammern jetzt seit Jahren wegen der Konkurrenz, die billiger arbeiten darf … sprich Löhne noch mehr drücken kann als bei uns … ja, aber dass das männliche Denken diese verd… Konkurrenz erst aufgebaut hat, damit ja jeder Gockel sich im eigenen Hühnerhof profilieren kann, anstatt gemeinsam eine gerechte Weltordnung aufzubauen, das wird einfach unter den Tisch gewischt …

Verteidigung:

  • Was wollen wir Westeuropäer verteidigen? Uns alle zusammen? Wer, uns alle zusammen?
  • Ich gehöre nicht in die Denkschemen von Leuten, die so gemeingefährliches Denken heute, 1986, offen aussprechen dürfen und sich dabei noch den Mantel von Würde und Kultiviertheit, Reichtum und Ansehen, bessere soziale Klasse und das Sagen was Recht und Unrecht ist, selber geben.

Wie lange sehen wir dem noch zu?

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