Mein Schreibstuben-Blog

December 24, 2009

Leserbrief an SF1 zur Todesstrafe

Filed under: Leserbriefe, von mir an jemand — heidi @ 02:15

Reaktion zu den Karfreitag 2002-Sternstunden zur Todesstrafe

zur Sternstunde Religion, 9-10 Uhr:

  • 1. Die Präparatoren und alle technisch Ausführende sind derart eiskallt professionnell, dass es mich schaudert. Diese Menschen agieren wie von gesellschaftlicher /auch populistischer Hirnwäsche geprägte Marionetten.
  • 2. Familie des Opfers:  von Opfer-Familienmitgliedern werden nur die Verliereraspekte gezeigt, nicht die starken Seiten. Das verstärkt (leider auch im Bewusstsein der Menschen) das ewige Scheitern von Opfern. Es wird nicht gezeigt, wie sie sich auch wehren könnten (ich vermute, dass sowieso die Macher sich nur Rache vorstellen können – ja, das soll nicht gefördert werden, aber es ginge auch anders). Journalistisch mag dieses Vorgehen die ästethische Bildgestaltung unterstreichen, dient aber der Sacher der Verteidigung überhaupt nicht.
  • 3. der Staatsanwalt sagt: er war es nicht wert, erlöst zu werden. Und: jetzt hat die Tür der Hölle hinter ihm zugeschlagen. In diesem Satz liegt die ganze Tragik der Todesstrafe. Es ist die Arroganz jener Machthabe, welche eigenwillig über Recht /Unrecht, Gesetz /Illegalität, gut /böse zu entscheiden sich erlauben und damit schon Recht verletzen. Recht, das zuerst immer neutral sein MUSS.

Diese gespaltenen Machtmenschen richten ihre Projektion auf jene, die sie  zu Tode verurteilen, dessen Mechanismus sie dann rechtfertigen müssen, Jemand sagte einmal: die Wahrheit wird euch frei machen. Hier verstehe ich den Satz so: wenn wir diesen ganzen Mechanismus, in dem wir gemeinsam drinn stecken, durchschauen, dann können wir uns von dessen Zwang befreien. Der Zwang eines Strafmechanismus, der nicht wirklich abschreckt, sondern nur neue Täter schafft, wie gerade in gewissen Bürgerkriegen und Landstreitereien (Beispiel Isreal /Palästina) vorexerziert wird.

zweite Sternstunde Religion, 10-11 Uhr:

  • das Problem ist: Gott (heute auch Jesus) als einzig rettende Macht dargestellt /erlebt, kann dann zum Satan mutieren, wenn unsere Ohnmacht zwanghaft diese Instanz braucht, um unser Ohnmachtsbewusstsein zuzudecken, unsichtbar zu machen, vor allem vor uns selber. Dann wird dieses Bedürfnis zwanghaft. Nur eine Haltung des Vertrauens, andersherum, des offen seins hilft uns. Vertrauen lässt und menschlich bleiben.

zur Sternstunde Philo, 11-12 Uhr:

  • Die Arroganz des Amerikaners (im Jahre 2002, also gerade in der Zeit nach 9/11), Deutsche hätten, aus Kollektivschuld heraus ihm keine Moralvorschriften zu machen, zeigt, wo die aktuelle amerikanische Elite hindriftet. Ich hoffe sehr, dass der Dialog Europa-Amerika noch möglich wird und wir standhaft bleiben, bevor Amerikas Kriegstreiber sich endgültig durchsetzen können (was 2003 dann leider doch passierte).
  • Vielleicht werden wir uns aber doch noch dazu aufraffen müssen, uns Amerika nicht nur verbal /philosophisch zu stellen, sondern auch ökonomisch /zivilrechtlich. Was uns viel Mut abverlangen wird, falls wir uns dazu aufraffen möchten, falls unser Gewissen uns dazu drängt, und wir nicht wie die Schweiz im zweiten Weltkrieg die Entschuldigung voranschieben möchten, wir müssten und aus ökonomischen und anderen Sachzwängen den Amerikanern, also dem Stärkeren beugen. (Sachzwang, der Joker der Korrupten).

zur Sternstunde Kunst, 12-13 Uhr:

  • Der nachfolgende Film ist ein eindrückliches Zeugnis gegen die Todesstrafe. Frage: wurde er auch in Amerika ausgestahlt?
  • Natürlich ist Dialog die beste Waffe, damit unsere Menschheit immer zivilisierter wird. Aber Dialog setzt die Bereitschaft der Mächtigen voraus, auf die Ohnmächtigen überhaupt zu hören (mein heutiger Kommentar zu diesem Punkt: wenn eine Menschheit Ohnmächtige schon erschaffen hat, ist der Wurm sowieso schon drinn, man soll Menschen erst gar nicht noch mehr Ohnmacht, als das Leben /die Natur schon bringt, erfahren lassen).
  • Auf die Ohnmächtigen hören können Mächtige nur, wenn ihre Macht das Resultat ist aus echter Weiterentwicklung, aus einer Leistung der Arbeit an sich selber, und nicht aufgebaut ist auf Machtmissbrauch, Projektion, eigenem Gespaltensein (wenn diese Macht nicht gestohlen wurde).
  • Gut, dass jetzt (2002) weltweit ein Vorstoss gegen die Todesstrafe gemacht wird. Bevor die Amerikaner (oder irgend jemand anderer) in der Welt ihre Vorstellung von gut und böse wieder einmal gegen alle anderen durchsetzen können.

(am 29.3.2002 gesandt an: http://www.todesstrafe.ch/ und Sternstunden SF1).

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