Mein Schreibstuben-Blog

September 20, 2008

Ziellose Fast-nicht-Bettgeschichte

Filed under: eigene stories — heidi @ 20:15

(schon auf mein privater Garten, Juni 18, 2005).

“Endlich wieder Freitag-Abend!” Mit dem Wirtschaftsteil der Münchner Zeitung auf den Knien, einem Glas alten Bourbon in der Hand und den Beinen seiner neuen Sekretärin im Kopf atmete Dr. lic.iur. Reinhard Reck gleich nochmals tief durch …

“Wenn die dort alle Russen zu uns wegziehen lassen, findet deren Eroberung des Westens bald friedlich statt” … der neuen Sekretärin graublaue Augen funkelten dazwischen, ihr betontes Make-up … “nein, erst die Immigration aus dem Süden wird bei uns die Katastrophe auslösen. Wir müssten unbedingt bei denen zu Hause erst mal für Ordnung sorgen.” Seit einiger Zeit sprach Reinhard immer öfters laut zu sich selber.

“Hallo”. Oskar schlich lautlos in den dämmerigen Salon. Schaut der aber mies drein! War also nichts mit Erika, dachte Reinhard und holte ein zweites Glas.

“Dein Monbazillac ist sublim, aber was machst du, wenn du plötzlich feststellst, dass du der einzige Ueberlebende nach einem atomaren Holocaust bist?” Oskar hatte sein Glas in einem Zug leergetrunken.

“Auf unser Glück bei den Frauen.” Reinhard schenkte gleich nochmals nach. Schon vor einem Jahr war Oskar in eine ähnliche Krise geraten. Damals wegen Annelies …

” … wenn ich alleine übrig bleibe, gibt es auch keine Frauen mehr”, fuhr Oskar weiter. Doch, auch diese Erika schien echt versagt zu haben.

Da klingelte es an der Tür:

” … mache eine Untersuchung, Mentalitätswandel bei Männern, nur ein paar Fragen.” Eine Mitvierzigerin im bunten Punk-Look. In dem Alter darf auch nur noch eine Journalistin so herumlaufen, dachte Reinhard.

“Darf ich vorstellen, Oskar Niederbusch, mein Wohngenosse.” Reinhard war automatisch zur Seite getreten, hatte sich verneigt, wie in seinem Advokatenkabinett.

Lydia Wackernagl: „was für ein Selbstbild haben moderne Männer? Darf ich Notizen machen”, wiederholte der Paradiesvogel sein Anliegen. Reinhard holte ein drittes Glas. “Mehrere Männer haben mir ganz privat gestanden, die Frauen hätten ihre Emanzipation wieder eingebüsst und daher wäre ihre ganze Potenz wieder zurückgekommen”, log sie. Nur zum Anheizen.

“Nein, ich finde moderne Frauen viel angenehmer”, behauptete Reinhard kühn, “keine Mimosen mehr” … dann wusste er schon nicht mehr weiter. Die sind ja nie frei, dachte er still, die brauchen doch auch heute noch unsere Bestätigung.

“Mir gefallen die modernen Frauen auch besser” … auch Oskar stockte plötzlich. Diese da ist doch so eine? Ob die wohl schon ihren Mann hatte? Eine so attraktive Frau?

“Viele Frauen gestehen mir, dass sie heimlich lieber brave Hausmütterchen wären und einen starken Mann brauchten”, log Lydia weiter. Sie spielte Katz und Maus, den ganzen Abend, liess die zwei sich aufplustern, genoss den Wein, machte kaum Notizen. Nach der dritten Flasche dutzten sie sich. Und plötzlich war Mitternacht vorbei. Reinhard hatte sich viel reden hören und gerade die fünfte Flasche geholt. Ja, diese Lydia konnte zuhören, verstand etwas vom Leben.

Auch Oskars Augen leuchteten, er hatte im richtigen Moment seinen Holocaust-Horror plaziert und von beiden echtes Mitgefühl geerntet. Eine Frau mit Kopf und Herz, doch, die gefällt mir richtig. Oskar betrachtete Lydia mit weichen Augen.

“Herrschaft, mein letzter Zug nach Ampfing ist weg, das gibt wieder ein teures Taxi”, erschrak diese plötzlich.

“Aber bitte, wir haben doch ein Gästezimmer.” Dieser Satz war Reinhard ganz unüberlegt herausgerutscht. Lydia akzeptierte mit einem stummen Kopfnicken.

Mütterlicher Typ. Diese Frau versteckt ein ungestilltesLliebesbedürfnis hinter dieser Aufmache, kam Reinhard später beim Einschlafen in den Sinn.

Ich würde mich gerne zur Behebung von Lydias Einsamkeit opfern, sinnierte Oskar in sein Kopfkissen.

Gepflegter Stil, aber beide etwas aufgeblasen. Nicht ehrlich zu sich selbst. Reicht gerade für Mammi-Pappi-Spielchen, notierte Lydia. Ob mit Reinhard mal auszuprobieren?

Am Samstagmorgen trafen sich die drei bei Oskars Superbrunch. “Mach ich uns zwei an jedem Wochenende”, betonte der stolz und reichte Lydia den Kaffee.

“Nur schnell noch eine Frage, bevor ich gehe, um an das gestrige Holocaust-Szenario anzuknüpfen: was würde passieren, wenn wir alle drei ganz alleine übrig blieben”, fragte sie listig. Der hingeworfene Köder wirkte:

“Dann würden wir dich beschützen”, sagte Oskar weich und blickte verträumt nach Lydia.

“Vor wem denn”, entgegnete diese kühl. “Ach ja, vielleicht vor Ratten?” Dabei sah sie tief in Reinhards blaue Augen. Oskar schwieg schockiert.

“Wir werden unser Ueberleben organisieren müssen. Nicht verstrahlte Nahrung suchen, reines Wasser. Ich würde einen Plan aufstellen, ganz sachlich vorgehen”, erklärte Reinhard.

“Der Mensch ist ein Herdentier, braucht den andern”, Oskar blickte zwischen Reinhard und Lydia hin und her. Die mögen sich. Was habe ich denn schon wieder falsch gemacht?

“Ich wüsste, wo es unverstrahltes Mineralwasser hätte. Im zweiten Untergeschoss des Spar-Supermarktes an der Ecke.” Reinhard erhob sich, schlurfte in den gemütlichen Salon und fischte drei neue Gläser aus dem Bar-Glasschrank.

“Wir wären die neue Sippe, müssten zusammenhalten … “,Oskar stapfte Reinhard nach, spann seinen Faden weiter.

” … wir müssten sogar vor der Nahrungssuche unsere unmittelbare Sicherheit gewährleisten. Ich wüsste wie und wo.” Reinhard holte jetzt gleich zwei Flaschen aus dem mit Thermostat versehenen Salon-Weinschrank und goss auch Lydia ein, welche den zwei diskret hinterherlief. Welche Sicherheit denn, dachte sie dabei. Aber diesmal schwieg sie.

“Ich würde ein Auto suchen, volle Benzinkanister, wegfahren. Wir sollten nie und nimmer in einer verseuchten Stadt bleiben.” Oskars Stimme klang leicht unsicher.

“Oskar, die Verseuchung wäre überall”, betonte Reinhard, “wo würdest du denn hinwollen? Hier hast du Lager, kennst dich aus.” Die Männer vergassen die Frau, sprachen nur noch untereinander, wie immer bei ganz wichtigen Entscheidungen. Lydia wurde übersehen, plazierte kein Wort mehr. Typische Männerordnung.

“… und zuletzt würdet ihr um mich streiten, weil es nur eine Frau für zwei Männer gäbe”, lächelte sie schelmisch. Sie musste einfach wieder zum Mittelpunkt werden.

“Nein, dann müsstest du wählen, wir sind zivilisiert”, behauptete Reinhard. Wäre eine komische Zivilisation zu dritt, dachte er … und was, wenn Oskar wieder leer ausginge? Lydia schwieg, blickte zu Reinhard, errötete.

“Ok, ich habe begriffen, ich tröste mich mit Montbazillac”, schnaufte Oskar. Reinhard füllte dessen Glas.

“Ich rufe Paul an, ein Studienkollege. Der hat umgesattelt. Ist heute Startherapeut, verdient mehr als ich”, antwortete er in die Runde.

“Wir zwei müssen dieses Problem unbedingt einmal lösen”, fuhr er, zu Oskar gewandt, fort.

“Aber wir sind doch nicht echt im Holocaust”, widersprach Lydia. “Was spinnt ihr zwei denn plötzlich?”

“Doch, Oskar ist in einer Krise. Und uns tut es auch gut”, insistierte Reinhard und griff nach dem Telefon. Paul war zufällig zuhause. “Er kommt sofort.”

Reinhard zahlte auch Lydias Anteil am beachtlichen Kurshonorar für ein ganzes Wochenende und holte ein viertes Glas.

Wie diese reichen Junggesellen so viel Geld in ihren Schubladen herumliegenlassen können, dachte Lydia. Typische Herrenart.

Paul steckte das Geldbündel in die Westentasche und gab sich locker. Wie Reinhard knapp vierzig, mit Stationen, die nie in einem bürgerlichen Lebenslauf figurieren würden, behauptete er, Welt und Menschen zu kennen.

“Was fühlst du bei deiner Holocaust-Frage wirklich, Oskar? Was läuft bei dir? Was ist gerade jetzt los?”

Oskar blickte zuerst auf Lydia, dann ins Leere, schwieg.

“Welches Gefühl ist bei dir am stärksten? Gerade jetzt?”

„ich … ich fühle mich minderwertig”, hauchte er, also ich fühle mich allein … ”

“du bist ja nicht ganz allein, du lebst doch hier mit mit”, fuhr Reinhard dazwischen.

“Ich meine eine Frau. Muss ich das beweisen, verdammt nochmals? Ich will Liebe, einfach normale Liebe … ” dann stockte er … “warum erhalte ich nie, einfach nie … huhuhuuu … ” Plötzlich heulte Oskar los. Lydia schaute trotzig auf ihre Fingernägel:

“Oskar behauptet, er habe Frauen nötig. Aber vorher, bei der Holocaust-Diskussion, da sprach er nur mit Reinhard, da machten die Männer alleine das Rettungszenario. Ich durfte als Weibchen daneben stehen und mich gerade noch doof retten lassen. Ich hatte nichts zu melden … verdammt“, Lydia stockte “könnt ihr Männer nicht auch mal ehrlich werden”, schrie sie plötzlich los.

“Was würdest denn du machen, wenn du der Kapitän der Rettungsmannschaft wärst”, fragte Reinhard nur.

“Typisch Mann. Wir sind zu dritt die einzigen Ueberlebenden und sofort schreien Männer nach einem Kapitän. Was gäbe es denn noch zu retten? Die Männerwelt hätte uns ja in diese Situation gebracht, also hätten diese bei mir ab sofort gar nichts mehr zu melden“ …

… „also, was würdest du machen”, griff jetzt Paul in die Diskussion ein.

„ich … ich würde sowieso nicht mehr lange leben, weil wir doch total verstrahlt wären … also würde ich das Leben geniessen. Ich würde in unserer Münchner Luxusstrasse sämtliche Kleider aus den Schaufenstern reissen, mir diese reihenweise anziehen, mit der Ladenstereo dröhnende Rockmusik laufen lassen und so den Untergang feiern. Jawohl. Dazu einen mindest so guten Wein wie diesen hier suchen und noch das letzte aus dem bisschen Leben herausholen“ … jawohl … „prost.” Lydia hob ihr Glas, lachte zu Reinhard hinüber.

Reinhard und Oskar reagierten schockiert.

Paul grinste: „wenn du, Oskar, diese Leichtigkeit des Seins wie Lydia mal kapierst, fliegen dir die Frauen von selber zu. Als Baby bist du bei interessanten Frauen unattraktiv. Nur bei langweiligen Krankenschwestern kommst du mit deiner Masche an. Und dort bleibst du garantiert in deiner Rolle.“

Da klingelte es an der Haustüre, Reinhard öffnete. Seine ehemalige Freundin, Sarah Pointexter, eine reiche Amerikanerin – studierte zum Hobby zwischendurch mal Germanistik – hatte ihr glänzendes Colgatelächeln aufgesetzt:

“Darf ich kurz hereinkommen?”

Paul akzeptierte Sarah kommentarlos und ohne Zusatzkosten in seiner Runde: “ich schlage vor, wir ändern das Spiel und stellen uns vor, wir wären zu fünft die einzigen Ueberlebenden. Was würde passieren?”. Grosses Schweigen. Die drei Männer beäugten Sarah verstohlen, diese genoss deren Blicke.

“Ich schlage weiter vor”, fuhr Paul fort, “wir müssten uns einen Chef wählen, unter uns, der seine Ueberlebensvorschäge der Gruppe darlegt und von ihr gewählt wird. Wer fängt an?”

“Ich überlasse das den Männern”, wusste Sarah postwendend und blickte von Reinhard zu Paul, zurück zu Reinhard … und wieder zu Paul. Dann schien sie sich schweigend nach Letzterem zu richten. Lydia biss schon grimmig auf die Zähne.

Das gleiche Geplänkel zwischen den Männern ging wieder los. Jeder plusterte sich mit realistisch gewollten Postulaten zum Chef auf, wollte ihre kleine Welt komplett durchorganisieren.

Paul: “ich würde unser westliches Kulturgut zuerst retten, die wichtigsten Bücher in der Uni staubfrei einpacken, die relevantesten Video-Aufzeichnungen … ” Sarah nickte Paul immer öfter zu, Reinhard schenkte laufend die Gläser voll, Oskar schwieg immer mehr. Der gleiche Konkurrenzkampf wie immer, murrte Lydia still in sich hinein. Bis sie losplatzte:

“Ihr seid der genau gleiche unrealistische Haufen, welche solche Katastrophen mit ihrer Verplanung erst provozierten. Verdammt, jeder will doch mit seinen hektischen Szenarien den anderen nur eigene Vorstellung aufdrängen. Damit trickst ihr doch nur eure Angst aus.”

“Würdest du hinsitzen und weinen”, fragte Sarah nur kühl.

“Nein, aber ihr seid einfach lächerlich. Ganz abgesehen davon, dass sich diese splendiden Männer noch nicht auf einen Chef einigen konnten.” Lydia verschluckte sich, musste husten. Sarah grinste zu Paul hinüber. Der schien von ihr gefangen.

“Ich schlage eine Pause vor, und nachher ein paar Lockerungsübungen”, empfahl Paul, stand auf und reckte sich.

Reinhard bestellte per Telefon einige Pizzen und belegte Brote in der nahen Bäckerei, räumte leere Flaschen weg und holte neue. Man rauchte, ging in die Küche, auf den Balkon, aber nach einer halben Stunde fehlten Paul und Sarah noch immer. Reinhard entdeckte die beiden im Gästezimmer, kam verstört zurück:

“Ich hätte doch von Paul etwas mehr Anstand erwartet. Jetzt schmust der einfach mit meinem Besuch herum. Immerhin meine ehemalige Freundin”, brummte er.

“Ich finde diese Sarah sowie so das Letzte”, fauchte Lydia. Wie die sich hier aufspielt.“’Ich überlasse es den Männern’”, äffte sie Sarah nach. “Echt blödes Weibsstück.”

“Sarah ist eine Frau mit Kopf”, verteidigte Reinhard seine Ex-Freundin. “Warum soll sie uns die Pläne nicht überlassen? Ihr Frauen dürft doch immer mitreden, aber ihr wollt ja gar nicht.”

Lydia wurde bleich, schwieg. Das gibt einen gesalzenen Artikel über die Männermentalität, schwor sie sich. Ihr verliert nichts mit warten. Ueberhaupt, ich habe jetzt genug Material. Sie stand schweigend auf, verschwand auf der Toilette.

Kurz darauf kamen Paul und Sarah wieder zurück. Sarah blickte unsicher zu Reinhard. Dieser verzog keine Miene. Alles normal. Nur Oskar wunderte sich. Nach kurzen Körperübungen gings wieder los.

“Ich finde, Sarah ist der eigentliche Chef, weil ihr indirektes Spiel unter uns Männern den offiziellen Chef wählt”, wusste Oskar plötzlich. Sozusagen in einem Geistesblitz.

“Damit wäre aber Lydia gar nicht einverstanden”, grinste Reinhard. Uebrigens, wo steckt sie denn? Lydia war nirgends.

“Typisch bei so unsicheren Personen”, deklarierte Sarah.

“Das geht nicht, eine Workshop-Situation muss durchgestanden werden. Lydia muss zurückkommen, sonst machen wir nicht weiter.”

Erst jetzt erfuhren Paul und Sarah von Lydias journalistischer Arbeit. Paul regte sich unerhört auf:

“Man hat mich betrogen. Ich leite nur Workshops mit aufrichtigen Personen. Journalisten sind bei mir verboten.” Dann entdeckt er, dass sein Kursgeld im Kittel ebenfalls verschwunden war. Zusammen mit Lydia.

“Ihr zahlt sofort nach, oder ich gehe.”

Natürlich zahlten weder Oskar noch Reinhard ein zweites Mal. Paul zog laut schimpfend ab. Sarah machte ihm Zeichen und wartete ganze fünf Anstandsminuten. Dann verschwand auch sie.

“Prost auf uns zwei Helden,” Reinhard schenkte beiden nach.

Oskar hob sein Glas: “und prost auf die Frauen”, trank in langsamen Schlucken. Dann schwieg er sinnierend vor sich hin.

Reinhard lehnte sich zurück, schloss stumm die Augen.

(geschrieben im Januar 1990).

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