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November 19, 2009

Frauen-Soziologie im Mittelalter

Filed under: Chronik real — heidi @ 02:11

aus Shulamith Shahar : Die Frau im Mittelalter, Verlag Athenäum/Taschenbuch Nr. 115, 1988:

im 10. Jh galt die (horizontale) soziale Ordnung (ordo) der oratores, bellatores, laboratores/Beter, Kämpfer, Arbeiter, rein männlich definiert. Die Frau war nirgens;
im 12. Jh weichte sich diese Dreiteilung auf, wegen wirtschaftlichen und sozialen Wandlungen. Es gab neu sozial-berufliche Stände (conditio und status) mit zwei Konsequenzen
- 1. die Ordnung war nicht mehr horizontal und gottgewollt, sondern vertikal und menschengeschaffen;
- 2. die ordines werden in weitere soziale Untergruppen aufgeteilt:

  • a) die Beter in einerseits weltliche Priesterschaft (Kardinäle, Bischöfe, Gemeindepriester, alle vom Papst gewählt bzw. über sein System überwacht, andererseits die reguläre Priesterschaft der Mönche;
  • b) die Herzöge, Grafen, Ritter, Fussknechte bilden den Stand der Kämpfer;
  • c) unter den freien Arbeitern finden wir freie Bauern, Leibeigene, Kaufleute, Notare, Aerzte, Handwerker aller Art, Bettler, Diebe, Prostitution, Verbrechen. Jedem der genannten Gewerbe und Titel werden dem Träger die dazugehörigen, charakteristischen Fehler und Sünden zugeordnet.

Frauen erscheinen in der Literatur des 12. Jh fast ausnahmslos als gesonderter Stand. Untergruppen bei den Frauen haben bloss sozial-wirtschaftliche Bedeutung, keine sozial-berufliche und der Familienstand kann als Kriterium für Differenzierung herhalten, was bei Männern nicht zutrifft. Beispiele:

  • - anfangs des 12. Jh schreibt Hugo, Kirchenschriftsteller und Abt des Klosters Flavigny in seiner metaphysischen Hierarchie über die himmlische Rangordnung von oben nach unten: Petrus, Paulus, Johannes der Täufer, die übrigen Apostel, die heiligen Einsiedlermönche, vollkommene Mönche in Gemeinschaft lebend, gute Bischöfe, gute Laien, Frauen.
  • - Etienne Fougères in seinem Sittenbuch livre de manières aus der 2. Hälfte des 12. Jh: Frauen sind auch eine Sondergruppe, aber nach Familienstand gegliedert: junge Mädchen, verheiratete Frauen, Witwen.
  • - Predigerlehrbuch De Eruditione Praedicatorum des Dominikaners Humbert de Romans vom Ende des 13. Jh. Der Frauenpredigt ist ein eigener Teil gewidmet: einerseits für Nonnen der diversen Orden mit speziellen Predigten, andererseits für weltliche Frauen (ad omnes mulieres) unterteilt in Edelfrauen, wohlhabende Bürgerinnen, arme Landfrauen, Mägde, Dirnen. In der gleichen Zeit stehen Männern 40 beruflich differenzierte Gerwerbe und Ehrentiteln offen.
  • - ab dem 15. Jh erscheint im Totentanz eine langsam gemischte Bearbeitung, wie Frauen sich zu benehmen haben. In Malereien treten Frauen – als Sondergruppe – zu bisher allene dargestellten Männergruppen hinzu. Frauen haben einen eigenen Stand und werden beruflich als Aebtissin, Königin, Nonne, Strassenhändlerin, barmherzige Schwester dargestellt, oder gemäss familiären, emotionalen oder körperlichen Situationen als Jungfrau, Geliebte, Braut, Jungverheiratete, Schwangere. Sie erhielt erst dann ihre eigene Sünden und Fehler, gemäss Untergruppe oder als Frau schlechthin. Dann attestierten ihr (die Männer) Eitelkeit, Stolz, Gewinnsucht, Leidenschaft, Ess-Sucht, Trunksucht, Launenhaftigkeit, Wankelmut. Sie wurden von öffentlichen Aemtern ferngehalten, um nie Richterin zu werden oder andere Herrschaftsbefugnisse in die Hände zu erhalten. Sie gehören nicht in öffentliche Räte und Versammlungen. Sie hat den Mann zu lieben und SEINE Kinder zu versorgen. Beichtspiegel erhalten einen speziellen Abschnitt für typisch weibliche Sünden !

Aber:
- im 13. Jh in Paris verfasst Etienne Boileau das Buch livre de métiers. Von 100 dort aufgeführten Zünften üben Frauen auch 86 davon aus. Satzungen und Register der verschiedenen Zünfte in den übrigen westeuropäischen Städten berichten über eine breite Auswahl von Handwerksberufen, denen sich Frauen zuwandten.
Nur Frauen der oberen Klassen traten ins Kloster ein (Behauptung von Shulamith Shahar in Die Frau im Mittelalter). Die weltliche Kirche blieb ihnen verschlossen.
Beispiel: im Mittelalter (welches Jh ?) galt im Leprakrankenhaus von Amiens folgende Regel: wurde eine dort verheiratete Bedienstete von einem Patienten als Dirne betitelt, erhielt er 20 Tage Haftstrafe. War die Frau unverheiratet, nur 10 Tage …

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