Mein Schreibstuben-Blog

December 20, 2008

der Oberschuggi

Filed under: mein Kommentar — heidi @ 02:09

Ein Oberschuggi braucht für seine Schäfchen einen als Getto eingerichteten Raum.

Das Volk ist darin mit sich selber beschäftigt, statt sich mit dem anzetteln von Veränderungen zu vergnügen. Und je zwangsneurotischer eine Gesellschaft sich verhält, desto besser kann sich der Oberschuggi den wichtigen Dingen widmen.

Der Oberschuggi ist das Prinzip Mensch oder Gruppe, welche in einem Getto die Macht besitzt. Offen oder versteckt. Er braucht eine Oberschicht, einen Politfilz aus Männern als wohlgeordnetes, scheinbar vielfältiges Sammelsurium, der trotz Scheingeplänkel ernsthaft im Taktschritt marschiert. Das emotionale Selbstverständnis wird dabei in hart erkämpften Hierarchie-Ordnungen dem jeweiligen Sachzwang geopfert. Man entscheidet über die richtige Ordnung und vertritt sie. Dieser Politfilz hat eine ganz besondere Leistung erbracht: die Einheitspartei, welche als solche nicht erkannt wird, weil Spielchen scheinbare Gegner produzieren, die sich echte Machtkämpfe liefern um einen guten Platz in geopolitischen Hierarchien. Diese geopolitische Hierarchie, in sich selber oft bis aufs Blut um Teilmacht zerstitten, besetzt allen bekannten geographischen Raum.

Ein solcher Machtfilz spiegelt Vielfalt vor und ist doch DIE Einheitspartei. Alles kann kartellähnlich abgesprochen, abgewogen, festgelegt werden, nach dem Geschmack und der Durchsetzungskraft der jeweiligen Macht-Hierarchien: Im Stillen, in den privaten und wirtschaftlich geordneten Herrenclubs, in den Verwaltungsräten und politisch erlaubten resp. gerechtfertigten Zusammenkünften. Wenn durchsetzbar, wird geheim verhandelt (Zusatz 4. Juli 2011: die von den Mainstream-Medien gerade scheinbar neu entdeckte Geheim-Dingsda: die Bilderberg-Gruppe). Die Scheingefechte, Schein- oder machmal echten Siege und Niederlagen dienen der Volksbelustigung und geben weiteren Mythen Nahrung. Die Einheitspartei muss laufend mit solchen Spielchen das Volk beschäftigen, damit es nicht in Versuchung kommt, selber zu denken. Eine ganze Armee von Personen werden geschult, die letzten Meldungen dem Volk begreiflich zu erklähren.

Doch, das ist eine grossartige Leistung.

Dem Verein der Oberschuggis bleibt dort, wo das Volk mitredet gute Manipulationsmöglichkeiten mit Hilfe von immer neuen psychologischen Erkenntnissen. Auch Kaderschulen leisten gute Vorbereitungsarbeit.

Je bestimmter der Oberschuggi auftritt, desto mehr Erfolg hat er als Identifikationsfigur. Oder andersherum: je mehr die Leute beschissen werden, desto mehr achten sie ihn, weil ER ALLES darstellt und das Volk /der Einzelne NICHTS /keinen Erfolg, den sie nicht mehr entwickeln kann, und … und da steckt der Trick … je mehr der Oberschuggi zunimmt, desto mehr glauben die anderen, sie seien gar nichts (= sie hätten ihn unbedingt nötig). Mit Schuld daran ist die eigene innere Spaltung die hilft, dies alles zu leugnen. (Update 1. Juli 2011: ich frage mich, ob da nicht so etwas wie ein kollektives Stockholm-Syndrom existiert).

Bummerang: der Oberschuggi wird vom Volk immer abhängiger, je erfolgreicher er ist und je länger es dauert. Die Aspiranten /das Kader wird immer zahlreicher, im Staat wird der Mittelstand immer grösser – bei den Aristokraten in Köln war im Jahre 1341 das Bürgertum reicher als die Adeligen, hatte das mehr und mehr Sagen in der Stadt, der aristokratische Erzbischof durfte die Stadt damals nur betreten, wenn es vom Volk so gewünscht wurde. Oder wenn er in zweiter Instanz hätte Recht sprechen sollen, was man tunlichst vermied. (Update 1. Juli 2011: siehe auch Machtverteilung im Mittelalter).

Auch Sektengurus sind am Ende von ihren Nachfolgern abhängig, sind praktisch deren Gefangene. Aber DAS merken sie erst, wenn es zu spät ist. Dann müssten sie den Mut eines Krishnamurti* haben: die Sekte einfach auflösen und die Leute heimschicken, mit dem Geheiss, erwachsen zu werden.

(in den 80er Jahren geschrieben, am 7. Mai 2011 aufgemöbelt).

* Krishnamurti on the web:

auf deutsch:

en français:

in english:

und in mehreren Sprachen:

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