Mein Schreibstuben-Blog

October 20, 2008

Des Hofnarrs freie Augenblicke

Filed under: eigene stories — heidi @ 02:13

Ich sass auf einer Bank in der Altweibersonne, der Park auf dieser Seite war ruhig, sogar die Kinder spielten heute woanders. Ich schloss die Augen, genoss die Stille, wollte meine Ruhe.  

Ich war immer nur der Hofnarr der ganzen Sippe gewesen, hörte ich plötzlich eine Stimme maulen. Hatte ich recht gehört, klang das jetzt verbittert?

Ich behielt die Augen geschlossen. Was hast du denn gewollt, fragte ich zurück. Sie schien es zu überhören.

Schon als ganz kleines Kind, sobald ich von der Gestalt des Hofnarren in einer Geschichte erfuhr, wusste ich: das bin ich. Leidenschaftslos wollte sie ihren Faden weiterspinnen. Dann brummte sie nur noch mal etwas zwischen den Zähnen.

Und, bist du es geblieben?

Ich bin es schon geblieben, aber was dazugehört, ist verschwunden, kam unverhofft die Antwort.

Hast du dir keinen König mehr finden können?

Ich schlief fast ein auf meiner Bank, wusste nicht recht, was ich mit dieser fremden Stimme, dieser Hofnarrengeschichte, anfangen sollte. Meine Ruhe wollte ich haben, die Sonne geniessen, nur Vögel hören, und sonst niemanden.

Könige kann man nicht fabrizieren, Könige müssen sich selber zu Würde bringen … oh doch, ich hatte einen gefunden, aber er hat sich als nicht würdig erwiesen, plapperte es wieder los.

Ich gab keine Antwort, räkelte mich noch bequemer hin, streckte die Beine aus.

Das ganze Volk war mein König, aber es war ein sehr schlechter König.

Warum denn, fragte ich zurück. Diese blöde Stimme brachte es fertig, mich wieder aus meiner Bewegungslosigkeit zu holen, meine Neugierde zu wecken.

Aber, ich glaube, es war mein Fehler. Ich habe das Volk zum König gemacht.

Es machte sich selber zum König, wollte ich sie belehren. Sie hörte nicht zu.

Ein König, der nicht fähig ist, auf den Hofnarren zuhören, ist ein schlechter König. Das Volk will nicht auf die Mahner hören, das Volk ist nicht weise genug.

Doch, diesmal hatte ich recht gehört, es klang echt verbittert.

Du selber bringst alles durcheinander, du hast nicht verstanden, was das Volk ist. Du bist ein echter Narr, weil du nichts, gar nichts zugeben willst. Das Volk als solches gibt es gar nicht mehr, es gibt nur die Bevölkerung. Das sind voneinander sehr unterschiedliche Gruppen.

Da gibt es jene, die sich leiten lassen wollen, die selber keine Verantwortung ertragen und andere entscheiden lassen. Den König bilden heute jene, die Macht haben. Bei uns in der Schweiz ist er der Politfilz zwischen Wirtschaft und Parlament, zwischen Offiziersgesellschaft und privaten, nach Branchen gegliederten Herrenclubs. Dieser Filz ist heute der König, weil dort die Macht der Abmachungen, Kartellen, Oligarchien liegt.

Aus dem passiven Teil der Bevölkerung, der normalerweise keine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will und trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Haltung der Entsagung ein moralisches Recht auf alles zu haben glaubt und zwischendurch mal Brosamen auflecken darf, also aus dieser trägen, weniger gebildeten Schicht spriessen Hofnarren hervor, wie Unkraut im Garten nach einem Regen.

Meistens zertrampelt man sie jedoch, bevor sie etwas Rückgrat gewinnen, um auch wirksam zu sein. Heutzutage haben sie sich deshalb zusammengerottet, um wenigstens einigen von ihnen zu dieser Rolle zu verhelfen: die Grünen, die Aussenseiter, die Nestbeschmutzer, die Armeeverweigerer, die rückständigen, mittelalterlichen Selbstversorgungs-Adepten, die zwei Sommer lang auf eine Alp durchhielten und mit gestärkten Kräften nach diesem Experiment ihre Anliegen noch unbeugsamer hören lassen.

Manchmal fallen auch die Medien, die Presse, sonstige Schreiberlinge in diese Rolle.

Wenn unser Politfilz fähig wäre, auf Hofnarren zu hören, ja, dann hättest du Chance auf einen echt interessanten Job, wusste ich zu antworten.

Sie schwieg. Bedeutete das jetzt vielleicht doch noch Einsicht?

Und überhaupt, du hast dich in deiner Rolle sowieso wieder einmal zu ernst genommen. Schon deine Mutter hatte früher gesagt: übertreibs doch nicht immer so. Kannst du denn nicht normal tun, wie alle anderen, fuhr ich, durch ihr Schweigen ermutigt, fort.

Ich bin doch nur das Spiegelbild dieser Verrücktheiten hier … (lange Pause) … ein Hofnarr ohne Audienz ist so unnütz, wie ein Spiegel ohne Gestalt zum wiederspiegeln …

Lass doch einfach die andern machen, du brauchst ihnen ja nicht zu gleiche. Geh doch einfach deinen Weg, lass jetzt einmal dieses blöde Pöbel links liegen, fuhr ich ihr dazwischen.

… und weisst du überhaupt, wie anstrengend das ist, Spiegel zu sein? Fast hätte sie geschrien.

So wie ich es verstanden habe, strengt sich der Spiegel an der Wand nicht selber an. Er ist nicht für das Bild verantwortlich, das er reflektiert. Sonst müsste er an den Strom angeschlossen werden. Hast du schon einen Spiegel gesehen, der elektrisch läuft, gab ich hässig zurück. Wie dumm die doch war.

Ich kann nicht passiv bleiben, wenn die ganzeWelt um mich verrückt spielt. Wenn ich etwas beitrage, um die Verrücktheit aufzuzeigen, dann nur, um den Menschen zu helfen, Sie sollen damit etwas lernen, ereiferte sich die Stimme.

Jetzt war ich endgültig sicher … sie war ein echter Narr. Sie murmelte noch etwas vor sich hin, aber ich gab mir keine Mühe mehr, etwas zu verstehen.

Lange blieb ich noch mit geschlossenen Augen so sitzen, bis die Sonne fast unterging. Nichts mehr rührte sich um mich herum. Als ich aufstand, war ich allein im Park.

(In den tiefen Achzigerjahren geschrieben).

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